Kloster Disibodenberg Riesling: Charakterkopf aus einer ganz besonderen Lage

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Riesling aus dem Weingut von Racknitz an der Nahe


23|12|2016   Auch wer mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und eher harten Tatsachen anstatt nebulösen Gefühlen Glauben schenkt, kann sich eines Eindrucks doch nicht erwehren: dieser Ort hat etwas ganz Spezielles an sich. Magisch oder mystisch will man das aus rationalen Gründen vielleicht nicht nennen, aber leugnen kann man die Besonderheit auch nicht. Die Atmosphäre ist hier spürbar anders. Der Ort wirkt auf besondere Weise aufs Gemüt ein, man fühlt sich ein wenig wie „aus der Zeit gefallen“.

Von welchem Ort die Rede ist? Vom Disibodenberg beim kleinen Dorf Odernheim am Glan, das zur Region Nahe gezählt wird. Der Disibodenberg ist nicht nur ein außergewöhnlicher Weinberg (von dem besondere Weine kommen, doch dazu später mehr), sondern vor allem ein Ort mit besonderer Erd- und Kulturgeschichte. Wo die Nahe und der kleinere Nebenfluss Glan zusammenfließen, ragt der Berg wie der Rücken eines Wals in die Höhe und gibt einen weiten Blick ins Nahetal frei.

Die Weinlage Kloster Disibodenberg bei Odernheim an der Nahe
Die Weinlage Kloster Disibodenberg.

Die beiden Wasserläufe gaben dem Berg seine charakteristische Gestalt. Im Lauf der Jahrtausende wurden die am Disibodenberg anstehenden harten Gesteine von Nahe und Glan gleichsam aus der Landschaft herausgeschält, indem die Fließgewässer benachbarte weichere Gesteinsschichten davon wuschen. So entstand die markante Form des von den zwei Flüssen eingefassten Bergrückens mit dem steil abfallenden Weinberg, eine Geografie, die offensichtlich schon vor langen Zeiten eine besondere Faszination ausübte. Bereits die Kelten wählten den Berg für eine heilige Stätte, später bauten Römer hier einen Jupitertempel. Der Namenspatron des Berges, der Heilige Disibod, ließ sich im 7. Jahrhundert als Einsiedler am Disibodenberg nieder. Schließlich errichteten Benediktiner im 12. Jahrhundert eine gewaltige Klosteranlage, in der Hildegard von Bingen ihre ersten 39 Klosterjahre verbrachte. Hier hielt die Heilige ihre Visionen in der berühmten Schrift Scivias fest und entwickelte ihre weltberühmte Naturheilkunde, bevor sie weiter naheaufwärts nach Bingen zog, um dort ihr eigenes Kloster zu gründen.

Auf dem Rücken des Berges wandeln Besucher heute durch die jahrhundertealten steinernen Überreste der großen Klosteranlage, vorbei an alten verwitterten Grabplatten und Mauerresten bis zur Ruine der großen Abteikirche, aus dessen Mitte sich eine große dreistämmige Eiche gen Himmel streckt.

Ruine der Abteikirche des Kloster Disibodenberg an der Nahe
Die "Drillingseiche" in der Ruine der Abteikirche.

Alter Klosterweinberg kommt zu neuen Ehren

Ein Augenschmaus ist der Disibodenberg auch für Weinfreunde. Der optimal nach Süden ausgerichtete und terrassierte Steilsthang stellt mit seinen gut elf Kilometer langen und uralten Sandsteintrockenmauern ein bemerkenswertes Zeugnis der Weinkultur dar. Zudem ist der Berg, der seit dem 11. Jahrhundert als Klosterweinberg ununterbrochen Reben trägt, eine der besten Lagen an der Nahe - allerdings eine, die in den vergangenen hundert Jahren ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Das ändert sich (zum Glück) mehr und mehr - nicht zuletzt durch das Wirken von Luise Freifrau von Racknitz, Eigentümerin des Weingutes von Racknitz, das im ehemaligen Gutshof des Klosters untergebracht ist.

"Für mich ist das einer der spannendsten Weinberge an der Nahe."
Seit über 200 Jahren befinden sich Weingut und Klosterruine im Eigentum ihrer Familie, wobei die Ruine im Jahr 1989 in die Scivias-Stiftung eingebracht wurde. Luise von Racknitz selbst, die an der Weinfachschule in Geisenheim Oenologie studierte, steht seit 2003 im Gut in der Verantwortung. Auch für die dynamische Nahe-Winzerin ist der Disibodenberg, der in diesem Jahr den 40. Geburtstag seiner Wiederbepflanzung feiert, etwas ganz Besonderes. „Mein Disibodenberg ist nicht nur der Platz, an dem ich laufen lernte, er ist mein Ein und Alles“, erzählt sie.

Winzerin Luise Freifrau von Racknitz
Winzerin Luise Freifrau von Racknitz.

„Dass ich hier nicht nur leben, sondern auch Wein machen darf, ist einfach großartig. Für mich ist das einer der spannendsten Weinberge an der Nahe. Seine Rieslinge sind vielschichtig, mineralisch und dennoch irgendwie sanft.“ Man merkt es Luise von Racknitz an - sie hat eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Hausberg, in dem sie täglich mindestens einmal mit ihrem großen schwarzen Hund unterwegs ist.


Aus alt mach neu: 40 Jahre Disibodenberg

Ihrem Vater ist es zu verdanken, dass der Weinberg heute wieder in dieser Form nutzbar ist und bemerkenswerte Ergebnisse hervorbringt. Von 1976 bis 1978 legte Hans-Lothar von Racknitz den kompletten Weinberg, der ehemals dem Kloster gehörte, neu an. Seit dem Mittelalter bestand der Disibodenberg aus großen schräg vom Bergrücken zum Bergfuß abfallenden Weinbergterrassen, wie sie heute vor allem noch an der Mosel zu finden sind: Extrem steil und maschinell nur sehr schwer zu bewirtschaften. Inspiriert von einer Reise in die Steiermark zu befreundeten Kollegen und angetrieben von einer große Portion Wagemut unternahm Hans-Lothar von Racknitz dann etwas Besonderes: Er bestellte eine gewöhnliche Straßenraupe, mit der in einer spektakulären Aktion quer zum Steilhang schmale Terrassen in den felsigen Untergrund schob. Große Felsen wurden mühevoll abgetragen, die alten Sandsteintrockenmauern mussten zum Schutz der Terrassen komplett neu aufgebaut werden.

Klosterruine und Weinbergshäuschen am Disibodenberg
Ein Teil der Klosterruine und ein Weinbergshäuschen am Disibodenberg.

Drei Jahre harte Etappenarbeit schlossen sich an: Stück um Stück wurden neue Querterrassen geschoben und bepflanzen, und wieder neue Terrassen geschoben und bepflanzt - so lange, bis der Disibodenberg endlich neu bestockt war. Bei der Neuanlage entschied sich Hans-Lothar von Racknitz vor 40 Jahren für eine Mischung aus verschiedenen Riesling-Klonen. Eine völlig unübliche Idee in einer Zeit, in der es vielen Winzern zuvorderst auf eine große Erntemenge und weniger auf Qualität ankam. Doch diese wagemutige Idee - kombiniert mit Leidenschaft und Fachwissen - trägt heute Früchte: „Die Reben sind nach 40 Lebensjahren tief verwurzelt und optimal ausbalanciert“, so Luise von Racknitz, deren Weine aus dem Disibodenberg sozusagen die in Flaschen gefüllte Essenz ihrer Weinbauphilosophie sind (mehr dazu siehe weiter unten).

Weinberg Kloster Disobodenberg an Nahe und Glan
Die Weinlage Kloster Disibodenberg. Nordöstlich der Klosterruine im Disibodenbergerhof ist das Weingut von Racknitz zu finden.  Grafik: Deutsches Weininstitut


Odernheimer Kloster Disibodenberg - eine Lage und ein Wein mit Profil

Geprägt ist der Disibodenberg von seiner speziellen Gesteinsformation, die weltweit so nur im Saar-Nahe-Bergland vorkommt und für die der Berg sogar namensgebend ist. Die "Disibodenberger Schichten" bestehen vorwiegend aus einem festen Sedimentgesteinen aus dem Rotliegenden (Sandstein), Schluff beziehungsweise Silt und geschiefertem Tonstein. Diese Bodenstruktur in Kombination mit dem Mikroklima der optimal nach Süden ausgerichteten und terrassierten Weinlage ermöglicht die Erzeugung charakterstarker Weine, deren Reben entlang der Bergflanke auf elf übereinander angeordneten, jeweils knapp einen Kilometer langen Terrassen stehen. „Mineralik, exotische Frucht und cremig-sanfte Textur sind die Erkennungsmerkmale unserer Disibodenberger Weine“, so die Winzerin.

Riesling Odernheimer Kloster Disibodenberg vom Weingut Racknitz


Nahezu mustergültig zum Ausdruck bringt dies der Riesling Odernheimer Kloster Disibodenberg trocken des Jahrgangs 2013 aus dem Weingut von Racknitz. Der durchschnittliche Ertrag für diesen Wein (Preis: 20 Euro pro Spitzflasche) lag bei nur rund 15 Hektolitern pro Hektar, der Most wurde spontan im Edelstahl vergoren, der Wein auf der Vollhefe ausgebaut und erst kurz vor der Füllung filtriert. Ein erstes Aha-Erlebnis vermittelt der Wein bereits durch seine Farbe: er funkelt in einem tiefen Goldgelb im Glas - das macht mächtig Eindruck und lässt vermuten, man habe eine edelsüße Auslese im Glas. Ist aber nicht so, der Kloster Disibodenberg Riesling ist trocken ausgebaut. In der Nase wirkt der 2013er Disibodenberg Riesling erst verschlossen - unter Lufteinfluss öffnet er sich dann aber weiter und weiter und entfaltet Noten von Quitte und reifem Apfel, zarte würzige Aromen und einen Hauch Zitrusfrucht.

Am Gaumen wirkt der Wein sehr geschliffen und abgerundet, zugleich beeindrucken die mineralische Anmutung und Erdigkeit des Weins. Von diesem Grund aus wachsen wilde Kräuter empor, darüber flattern mit zarten Flügelschlägen Gelbfruchtschmetterlinge. Limette und Blutorange gesellen sich zu Litschi und Quitte, je mehr Luft der Wein atmet, desto mehr schälen sich würzige Noten und ein Duft nach feuchten Kieselsteinen hervor. Im Nachhall holt der Wein nochmals ordentlich aus und kehrt seine zupackende Rieslingrasse ebenso hervor wie seine Vielschichtigkeit, wobei er nie vordergründig oder laut wird. Der Wein ist zugleich üppig und karg, verspielt und spröde, sinnlich und eigensinnig - und wer sich auf seinen Pfad begibt, der folgt einer steinernen Wendeltreppe, die sich tiefer und tiefer in die Disibodenberger Schichten hineingräbt. Dieser Riesling ist kein Everybody’s Darling, fürwahr, aber ein echter Charakterkopf mit Ecken und Kanten, der gerade deswegen auffällt und einzunehmen weiß.


Weine mit Wiedererkennbarkeit und Herkunft

Luise Freifrau von Racknitz stieg 1998 in das Familienweingut ein und ließ von Beginn an ihre Persönlichkeit und Leidenschaft in die Weine einfließen. Die Vorfahren der 40-Jährigen erwarben Klosteranlage und Hof 1753 und entschieden, dort ein Weingut aufzubauen. Das gehörte in den 30er Jahren zu den fünf Gütern des "Vereins der Naturwein-Versteigerer an der Nahe", dem Vorläuferverband des heutigen VDP Nahe. 1953 erbte die Mutter von Luise von Racknitz, Baronin Ehrengard Freifrau von Racknitz (geborene Gräfin von Hohenthal), das Weingut, das sich damals nicht mehr im allerbesten Zustand befand. Die Familie brachte es wieder auf Vordermann, betrieb dort neben dem Obst- aber zunächst nur einen Fassweinbau.

Zugang zum Weingut von Racknitz am Disibodenberg in Odernheim an der Nahe
Zugang zum Weingut von Racknitz am Disibodenberg.

Der Umschwung begann 2003, als Luise Freifrau von Racknitz mit ihrem damaligen Ehemann das Weingut übernahm und es konsequent auf Flaschenwein-Vermarkung umstellte. Das Ziel: die hervorragenden Lagen der Umgebung wieder zum Klingen bringen und charakterstarke Weine erzeugen, die von ihrer Herkunft erzählen. Jeder Wein soll Zeugnis seiner Herkunft sein und Zeugnis vom Weinberg ablegen, in dem seine Trauben heranwuchsen.

„Unsere Weine sind stolz auf ihren Ursprung.“
Um dies zu erreichen, beginnt die ambitionierte Winzerin 2014 damit, alle Rieslinge spontan zu vergären. Die von Hand gelesenen Trauben aus den biologisch bewirtschafteten Rebhängen werden kaum abgebeert und vorsichtig abgepresst, der Most wird langsam und ohne jeden Eingriff spontan auf der wilden Hefe vergoren. Auf eine Jungweinschönung wird verzichtet und den Weinen wird im Keller sehr viel Zeit für die Reifung auf der Hefe gelassen, sie kommen deshalb auch erst spät in den Verkauf. Die so erzeugten Weine zeigen einerseits Komplexität, Vielschichtigkeit und Schmelz, andererseits aber eine tiefe Mineralität und gebändigte Rasse. „Unsere Weine sind stolz auf ihren Ursprung“, betont Luise von Racknitz, deren Weinbauphilosophie von einer großen Achtung von der Natur sowie der mehrere Jahrhunderte alten Weinbaukultur geprägt ist.


Service und Bezugsquellen

Du möchtest die Weine des Gutes von Racknitz kennen lernen? Diese gibt es direkt im Weingut oder über den Online-Handel unter anderem hier*.

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Die Klosterruine Disibodenberg bei Odernheim an Nahe und Glan
Impressionen von der Klosterruine auf dem Disibodenberg.


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