Nahewein ins Emsland tragen - eine Ostergeschichte

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Grauburgunder und Lammbraten


29|04|2017   Im Emsland wächst kein Wein. Nirgends! Im Emsland wird Korn getrunken. Und Bier - meist zusammen und in dieser Reihenfolge und viel davon. Wen wundert’s: Es war der Doppelkorn, der das nördliche Flachland weit über seine Grenzen hinaus bekannt gemacht hat. 1758 gründete Ratsherr Johann Bernhard Tobias Berentzen im emsländischen Haselünne eine Kornbrennerei. 25 andere „Fuselbrenner“ gibt es damals bereits in der kleinen Schnapsmetropole - die Berentzen Brennerei ist besonders erfolgreich. Nationale und internationale Bekanntheit erlangt das Unternehmen 1976 durch die Einführung des Apfelkorns, einem Mischgetränk aus Weizenkorn und Apfelsaft. „Berentzen Apfelkorn gilt als erfolgreichste Neueinführung einer Spirituose in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg und wird seit 1979 auch in das Ausland exportiert“, weiß Wikipedia. Das Emsland und seine Geschichte(n) . . .

Und was macht man, wenn man als Weintrinker für ein paar Tage ins Emsland fährt? Ganz klar: Man nimmt auf jeden Fall ein paar Flaschen Rebensaft mit. Zur Sicherheit, man weiß ja nie. Tagelang nur Korn und Bier - das steckt die geschulteste Leber nur bedingt gut weg. Und auch für den Gaumen ist’s gut. Schließlich ist die Craft Beer-Braukunst im Emsland genauso verbreitet wie die Winzerei - also (meines Wissens) gar nicht. Mit großer geschmacklicher Vielfalt wird man also auch in Sachen Bier nicht rechnen dürfen. Obwohl: Erwähnt sei en Passant, das Gastronom und Biersommelier Markus Quadt in seiner Alten Posthalterei in Lingen ein riesiges und ungewöhnliches Angebot an Bieren und Craft Beer aus aller Welt bereit hält und unter anderem Bierproben, Biermenüs und einen Bierverkauf außer Haus im eigenen Bierladen anbietet.

Welcher Wein zu welchem Essen


Nun, genug der Ab- und zurück zu den Ausschweifungen: Als ich also jüngst über Ostern ins Emsland reiste, um ein paar Tage bei einem Teil meiner Geburtsfamilie zu verbringen, klapperten im Kofferraum meines Autos einige Flaschen Wein, zuvorderst aus meiner Heimatregion Nahe und dem direkt benachbarten nördlichen Rheinhessen und ebenso zuvorderst Weißwein. Wieso das? Nicht, weil es an der Nahe keine guten Roten gäbe, sondern weil es vom roten Rebensaft im emsländischen Familienhaushalt viele gibt (zumeist ausländische und gute), aber vom weißen wenige. Ein bisschen „Import“ in Sachen Weißwein ist also angesagt - und davon will ich hier erzählen. Warum?

Weinrallye: Mit Nahe- und Rheinhessenwein ins Emsland reisen

„Meine kulinarische Ostergeschichte“ ist die WEINRALLYE #109 überschrieben, eine Schreibreihe für Food & Wine-Blogger, deren 109. Auflage von Dorit Schmitt auf Ihrem CHÂTEAU et CHOCOLAT Foodblog ausgerichtet wird.

Weinrallye 109

 Was gab es Ostern 2017 zu essen, welche Weine und andere Getränke wurden dazu genossen? „Handykamera zücken und ein Foto vom Essen und dem Getränk machen!“, forderte Dorit zur Teilnahme auf. Dem kam ich nach. Hier der Blogbericht zu meiner Osterreise in eine kleine emsländische Gemeinde (zwischen Lingen und Haselünne gelegen), bei der ich Nahewein ins Emsland trug.

Götterspeise mit Vanillesauce
Einmal relaxen, einmal ackern in der Küche: beides Ostern.


 Drei Naheweine, ein Rheinhesse, ein Spanier

Und das hatte ich im Gepäck: Ein paar gute und vergleichsweise günstige (alle unter 10 Euro) weiße Gutsweine von der Nahe und einen aus Rheinhessen sowie - dann doch - einen Rotwein (weil ich den jüngst des Öfteren trinke und einmal der Familie präsentieren wollte), als da wären:

  • Die Weißweincuvée „Mahlzeit“ Jahrgang 2015 vom Weingut Korrell Johanneshof aus Bosenheim / Nahe
  • Den Weißburgunder Gutwein Jahrgang 2016 vom Weingut Lindenhof in Windesheim / Nahe
  • Den Grauburgunder Gutswein Jahrgang 2015 vom Wein- und Sektgut Bamberger in Meddersheim  /  Nahe
  • Einen Grauburgunder Gutswein Jahrgang 2016 vom Weingut Wagner-Stempel in Siefersheim / Rheinhessen
  • Die Rotweincuvée „Rebellia“ Jahrgang 2015 aus Utiel-Requena / Spanien

Eingepackt hatte ich die Flaschen „blind“, also ohne zu wissen, was es an den Osterfeiertagen zum Essen geben würde. Für die versierte „Bekochung“ der Familie war meine Mutter zuständig, die mit gelegentlicher Unterstützung von weiteren Familienmitgliedern gekonnt in der Küche Regie führte. Aus der kamen dann einige wohlschmeckende Gerichte, zu denen die allesamt kombinationsfreudigen Weine durchweg eine gute Figur machten. Und hier die Paarungen des (Gaumen)Tanzes:

Knoblauch und Rotwein


Ostermenü Nr. 1

Los ging die Schlemmerei mit einer klassischen Tomatensuppe gefolgt von Spaghetti mit einer scharfen Gemüsesalsa, zum Dessert stand eine Griesflammerie, die aufgepuderte Schwester des Greisbreis, auf dem Menüplan.

Tomatensuppe und der Wein Mahlzeit


Zur Tomatensuppe lag der Griff zur Weißweincuvée „Mahlzeit“ vom Weingut Korrell Johanneshof nahe. Die leichte, unkomplizierte trockene Cuvée mit niedrigem Alkoholgehalt erweist sich immer wieder als vielfältig einsetzbarer Essensbegleiter. Der Wein, in dem Rivaner (Müller-Thurgau), Weißburgunder und Riesling den Ton angeben, schmiegt sich durch seine Frucht (Birne, Zitronengras, gelbe kanarische Melone, dezente Muskateller-Note) und die moderate Säure sehr gut an die Tomaten an. Zugleich stellt „Mahlzeit“ einen gelungenen Übergang zum nächsten Gang dar, denn auch mit der scharfen Gemüsesalsa hat der schmelzig-fruchtige und sehr „trinkige“ Wein leichtes Spiel.


Weißburgunder und Pasta


Schwups, die Flasche „Mahlzeit“ ist leer, zu den Spaghetti wird nun der Weißburgunder Gutswein Jahrgang 2016 vom Weingut Lindenhof aufgeschraubt. In Sachen Essensbegleitung ist der Weißburgunder eine Allzweckwaffe - was sich auch hier beweist. Der Gutswein bringt ausreichend Körper und Schmelz mit, um der durch Chilischoten „angeschärften“ Gemüse-Salsa Parolli bieten zu können. In der Nase verströmt der Wein Birnenduft, am Gaumen gesellen sich Zitrusnoten, ein Duft nach Heu und würzige Komponenten dazu, im Nachhall klingt eine Spur Aprikose an. Passt!

Botucal Rum und Griesflammerie


Die Griesflammerie bleibt unbegleitet, dafür schließt sich eine Perle aus der Spitituosen-Schatzkammer meines Bruders an, und zwar ein besonderer Rum. Der Botucal Rum Reserva Exclusiva* (der überall sonst auf der Welt Ron Diplomatico heißt - Begründung siehe hier) stammt aus Venezuela und ist Kennern zufolge (zähle ich mich nicht zu) einer der bemerkenswertesten Rums des Planeten. Der Botucal Reserva Exclusiva ist ein Blend aus vielen schweren, hochwertigen Rum-Sorten und bringt 40 Volumenprozent Alkohol auf die Waage. Der rotbraun im Glas funkelnde Rum riecht faszinierend nach Rosinen und weißem Nougat, Honig, Orangenschale und Beeren. Am Gaumen drängt zunächst die Süße des Botucal nach vorne, zunächst dominieren Karamell und eine Spur Vanille, Zuckerrohr, Honig und Rosinen, dann funkeln fruchtige Noten von getrockneter Aprikose und Orange, von Weintrauben, Pflaumen und schwarzen Johannisbeeren sowie Schokoladen-Noten und ein Hauch Meersalz auf. Mein Urteil: Ein feiner Stoff zum tief hineinschnüffeln und sich darin versenken. Reich mal die Flasche rüber, ich nehm‘ noch ein Gläschen!


Ostermenü Nr. 2

Tag zwei der Osterschlemmerei: Auf dem Speiseplan stehen ein Zucchini-Süppchen, Lammrücken mit Ofenkartoffeln und Salat sowie eine Granatapfel-Götterspeise mit Vanillesauce - alles hausgemacht, so wie sich das gehört.

Lammrücken und Grauburgunder


Den Bogen von Suppe zu Lammrücken schlägt hier der Grauburgunder Gutswein 2015 vom Wein- und Sektgut Bamberger. Das gelingt ihm spielend, der von Birnenfrucht, würzigen und zart nussigen Aromen durchwobene Wein schmiegt sich eng an die würzigen Komponenten der Zucchinisuppe und des Lammrückenbratens. Schwups, die Flasche ist schnell leer, nun hat der „Rebellia“ 2015 aus Spanien - der erste Rote in dieser Verkostungsreihe - seinen Auftritt zum Lamm.

Lammrücken


Erstmals probiert hatte ich diese Cuvée aus den Rebsorten Garnache, Bobal und Tempranillo vom Jahrgang 2014, fand ich ganz ordentlich. So richtig angesprungen hat mich dann aber der Jahrgang 2015, der nochmals eine Klasse komplexer und ausgewogener schmeckt und für einen Roten der Klasse um die 7 Euro ein echten Preis-Leistungsshammer ist.

Lamm und der Rotwein und Rebellia


Rote Früchte (Kirsche, Waldbeeren), eine feste, aber nicht bissige Säure, feinkörniges Tannin, zarte Waldboden und Champignon-Noten sowie eine sehr dezente Holznote lassen dem Lammrücken Raum zur Entfaltung der zarten Fleischaromen und nehmen die Würze der Bratenkruste sehr schön auf. Lamm und „Rebellia“ - das passt.

Lammrücken im Ofen gegart



Ups, die Flasche ist schon wieder leer? Tatsächlich! Wie gut, dass mein Bruder auch ein paar Spanier in seinem Weinkeller hat, er entkorkt noch schnell eine Falsche Avior Crianza 2014 aus dem Rioja. 100 Prozent Tempranillo, zwölf Monate in amerikanischer Eiche. Amarena-Kirsche, Himbeere, Vanille, ein Tick Marzipan und ein feiner Holztouch - passt!

Seeblick Longue Aussicht


Nordsee-Flair gibt es anderntags zum Frühstück spendiert, es geht zum Brunch in die gerade neu fertiggestellte Seeblick-Longue des Restaurants Deichkrone am Speicherbecken Geeste. Deichkrone? Tatsächlich, der etwa zwei Kilometer lange und an der breitesten Stelle 1,3 Kilometer breite künstliche See liegt 15 Meter höher als das umgebende Gelände und wird von einem Deich umfasst. Der See mit 850 Meter langem Sandstrand und angrenzendem 50 Hektar großes Feuchtbiotop hat sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet entwickelt, das unter anderem mit Wassersportmöglichkeiten wie Baden und Segel, Windsurfen und sogar Tauchen bietet.

Restaurant-Deichkrone


Für einen Brunch ist die neue Seeblick-Longue trotz ihrer Größe eine angenehme und attraktive Adresse, das Speiseangebot ist ausgesprochen vielfältig, wohlschmeckend und schön präsentiert.

Am See in Geeste Emsland


Klar, dass sich nach so einem Schmaus bei dieser Location ein kleiner Spaziergang über die Deichkrone entlang des Sees anschließt.

Ostermenü Nr.3

Finale: Am letzten Tag des Besuches wird ein Burgundergulasch in den Ofen geschoben. Dazu passt doch nur ein Rotwein? Mitnichten. Der Grauburgunder Gutswein Jahrgang 2016 vom rheinhessischen Weingut Wagner-Stempel wird aufgeschraubt und erweist sich als ausgesprochen treffende Wahl.

Grauburgunder und Gulasch


Das Weingut Wagner-Stempel liegt in der rheinhessischen Schweiz im nordwestlichen Zipfel von Rheinhessen, die quasi direkt an das Weinbaugebiet Nahe angrenzt. Das Gut habe ich bereits vor einigen Jahren für mich entdeckt und auf meine Favoritenliste gesetzt, zwar auch wegen der Nähe zu meinem Wohn- und Arbeitsmittelpunkt, aber zuvorderst wegen der bemerkenswerte Güte der Weine. Viele der Tropfen von Daniel Wagner wachsen auf Vulkangestein-Verwitterungsböden, wie man sie auch an der mittleren Nahe vorfindet. Wegen dieses Umstandes und der Handschrift der Gewächse aus dem Familienweingut Wagner-Stempel bin ich geneigt zu sagen, dass Daniel Wagner die naheländischsten aller rheinhessischen Weine vinifiziert. 

Der Grauburgunder Gutswein 2016 (knapp unter 9 Euro) markiert bereits die Klasse der Weine, die im Siefersheimer Gut erzeugt werden. Der Wein ist ein herrlich strukturierter Menübegleiter, der es aufgrund seines Schmelzes, seiner bereits jetzt sehr balanciert und reif wirkenden Säure und der inneren Harmonie locker mit dem Burgundergulasch aufnehmen kann. In der Nase springen Birne und reife gelbe Frucht hervor, am Gaumen wird das Aromenspiel um Quitte, Apfel, gelbe Melone und den Duft von weißen Blüten erweitert, im Abgang überraschen Zitrusnoten und grüne Aromen, die sich sehr schön mit dem Geschmack des Salats verschränken, der zum Gulasch gereicht wird.

Chardonnay und Götterspeise


Weil der Wein schon wieder rasend schnell knapp wird, holt mein Bruderherz noch eine Flasche Varané Chardonnay 2016 aus Navarra an den Tisch - nicht schlecht für einen spanischen Weißen (sehr fruchtig, Aprikose, Pfirsich, Birne, Honig, etwas Gras und Orange, im Nachhall trockene und kalkige Anmutung), aber doch mindestens anderthalb Gewichtsklassen unter dem Grauburgunder aus Rheinhessen agierend. Der Wein von Wagner-Stempel ist wesentlich komplexer und finessenreicher, er wirkt zugleich in sich ruhend und expressiv, füllig und quicklebendig - ein tolles und hohes Niveau für einen Gutwein und ein schönes Ausrufezeichen zum Abschluss der Osterschlemmerei 2017. So darf es 2018 ruhig weiter gehen!


PS: In diesem Weinrallye-Beitrag ging es selbstredend zuvorderst um den Wein, aber nicht unerwähnt bleiben darf, dass auch das Essen allererste Sahne war. Danke für die hervorragende Bewirtung mit den vielen Leckerbissen und noch anderen, hier gar nicht erwähnten weiteren Tropfen aus dem gut sortierten Weinkeller der Gastgeber!

PPS: Eine kleine Zusammenfassung aller kulinarischen Ostergeschichten, die zur Weinrallye #109 eingereicht wurden, findest Du (inklusive Verlinkung zu allen Blogberichten) am Ende von Dorit Schmitts Text hier.

Service & Bezugsquellen

Die genannten Nahe- und Rheinhessenweine können direkt in den Erzeugerweingütern bestellt werden. Den Rebellia Rotwein aus Spanien habe ich im Bio-Supermarkt denn's gefunden. Den  Botucal Rum Reserva Exclusiva bekommst Du unter anderem hier*.


Pasta kochen auf dem Gasgrill

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