Say cheese, please! Wie der Preuße Fritz "Reggae-Man" Blomeyer auszog, die Käserei zu erlernen

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03|12|2014   Deutscher Käse trifft jamaikanischen Reggae: Wenn sie jemals jemandem begegnen, der gereiften Bergkäse aus dem Oberallgäu mit „I Shot the Sheriff“ von Bob Marley kombiniert, ein Stück „Gepfeffertes Ärschle“ (Rotschmierweichkäse mit Madagaskarpfeffer) mit „Making History“ von Linton Kwesi Johnson und den geaschten Ziegenfrischkäse „Berliner Brickett“ aus der Uckermark mit “Old Marcus Garvey“ von Burning Spear, dann könnte es sich bei dieser Person mit hoher Wahrscheinlichkeit um Fritz Lloyd Blomeyer handeln.


Fritz Loyd Blomeyer, Käse-Händler und Affineure (Spezialist auf dem Gebiet der Käseveredelung) aus Berlin.
Vor kurzem traf ich den Käse-Händler mit preußisch-jamaikanischer Seele auf Gut Hermannsberg an der Nahe, wo er vier in Deutschland erzeugte Käse in Kombination mit rest- und edelsüßen Weinen des Naheweingutes vorstellte.

Big Blomeyer: der Zwei-Meter-Käseriese aus Berlin

Fritz Lloyd Blomeyer ist fraglos das, was man eine „Erscheinung“ nennt: Mit seiner Größe von fast zwei Metern, seiner stämmigen Statur, dem Bart und den zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebundenen dunkelbraunen Haaren hat er etwas Imposantes, Riesenhaftes an sich. Dass es sich bei dem 30-Jährigen tatsächlich um einen „Käse-Riesen“ handelt, das erkennt der Betrachter auf den ersten Blick allerdings nicht - doch genau das ist er: Blomeyer gilt als aktueller Shootingstar unter den deutschen Käsehändlern und -veredlern.
Käse aus Deutschland ist die Passion des Berliners. Bereits im „zarten“ Alter von 24 Jahren machte er sich mit seinem Unternehmen Blomeyers Käse selbständig und erarbeitete sich seitdem den Ruf, DER Spezialist zu sein, wenn es um hervorragenden Käse aus deutschen Landen geht. „Wer Käse hört, der denkt zuerst an Frankreich oder Italien. Dabei gibt es auch in Deutschland viele wirklich fantastische Käse“, betont Blomeyer, den ausgezogen ist, die alleinige Herrschaft ausländischer Erzeugnisse auf den Käserollwagen der Spitzenrestaurants zu brechen. Mit Erfolg: Inzwischen versorgt der gelernte Käser unter anderem die Berliner Spitzengastronomie mit feinsten Käseprodukten aus heimischen Regionen.

Tschüss, Jurastudium: Parmesan statt Paragrafen!

Wie der einstige Weltenbummler, der in jungen Jahren Großbritannien und Südafrika, Neuseeland und Nepal bereiste, dazu kam, beim deutschen Käse Anker zu werfen, das ist eine dieser (Lebens)Geschichten, die nach vielen Wendungen schließlich doch an einem Ziel ankommen, das bereits als kleiner Keim mit in der Wiege lag. An eine zentrale Wegkreuzung seines Lebens gelangt Blomeyer während seines Jura-Studiums in Frankfurt an der Oder, als er "vor Frust am liebsten aus dem Fenster gesprungen" wäre. „Damals habe ich festgestellt, was ich auf keinen Fall machen will, nämlich Jura studieren. Umso drängender stellte sich mir dann die Frage: Ok, aber was willste stattdessen die nächsten Jahre machen?“ Die Antwort des jungen Studenten lautete schlich: „Parmesan statt Paragrafen!“

Fritz Loyd Blomeyer aus Berlin hat sich den Ruf aufgebaut, DER Spezialist zu sein, wenn es um hervorragenden Käse aus deutschen Landen geht.
Fritz Loyd Blomeyer


Essen und Trinken, das war „schon immer ein Thema, das mich ganz besonders interessiert und fasziniert hat“, erzählt Blomeyer, dessen Erinnerungen mit einer Fülle von Gerüchen und Geschmäckern durchzogen sind. Eine davon führt nach Italien: „Ich erinnere mich noch genau, dass ich als kleines Kind, ich war drei Jahre alt, mit meinen Eltern in Umbrien Urlaub gemacht habe. Wir wohnten in einem alten Haus, das fernab von allem lag. Mein Vater schrottete bei einem Unfall unser Auto, und wir kamen nirgendwo mehr hin. Meine Mutter kam dann auf die Idee, einen Kochkurs zu veranstalten. Eine Freundin brachte Lebensmittel ins Haus, und wir kochten damit alle zusammen typisch italienische Gerichte. Damals probierte ich zum ersten Mal Parmigiano Reggiano, und der Geschmack hat mich einfach umgehauen."
Käse wird zu Blomeyers „Liebe auf den ersten Biss“. Mit 15 lernt er in einem Internat in Norddeutschland einen Niederländer kennen, der ihn nach Holland einlädt. „Der Markt dort mit den Käseständen war für mich wie das Schlaraffenland. Ich weiß noch genau, wie aufregend und umwerfend es für mich war, dort mehr als die drei sonst üblichen Käse probieren zu können.“  Und an noch etwas erinnert sich Blomeyer, als er frustriert in seiner Studentenbude sitzt und über seine Zukunft nachgrübelt: "In meiner Kindheit war ich mit meiner Mutter häufig im Allgäu unterwegs, wo wir beide über viele kleine Käsereien gestolpert sind." Diese Erinnerungen und sein Enthusiasmus für Käse lassen in Blomeyer einen Entschluss reifen: Schluss mit dem Jurastudium, ich schnüre mein Wanderbündel und mache mich auf ins Allgäu, um dort die Käserei zu erlernen!  "Allgäuer Bergkäse statt Anwaltskarriere" also!

Preußische Tugend trifft auf Lust am Käsegenuss

„Ich bin weder pünktlich noch pedantisch, weder gehorsam noch ordnungslieb, aber in einem Punkt bin ich preußisch durch und durch: Wenn ich etwas anfange und mache, dann will ich es von Grund auf richtig und professionell machen“, bekennt sich der 30-Jährige punktuell zum "Preußische Drill". Um die Käserei „von der Pike auf“ zu erlernen, zieht Blomeyer auf eine Oberallgäuer Alpe und arbeitet dort in der Bergkäseherstellung mit. Die Arbeit in der Alpe (Blomeyer: „Die härtesten Monate meines Lebens“) stößt die Türe in eine deutsche Käsewelt auf, die facettenreicher ist, als es sich der junge Käsemacher je hatte träumen lassen. Als er von einem Maurer bei der Arbeit hört, dass eine 85-Jährige aus einem Nachbarort über 20 Kilometer fährt, um im Landkreis Schwäbisch-Hall ihren Käse zu kaufen, muss er dieser Spur folgen. Er fährt in die kleine Dorfkäserei und ist von dem dort angebotenen Käse „von den Socken“.

Gepfeffertes Ärschle - ein Käse mit Pfefferkick.


Insgesamt drei Jahre lang bleibt Blomeyer nicht nur im Allgäu, sondern in ganz Deutschland auf Achse, um in verschiedenen kleinen Käsereien, die ihn zum Teil nur mit Kost und Logis entlohnen können, zu arbeiten, dann „hatte ich das Gefühl, nun genug über Käse zu wissen, um mich selbständig zu machen.“ Anfang 2009 gründet er sein Unternehmen Blomeyers Käse und beginnt damit, hervorragende und ausgefallene deutsche Käse aus dem Allgäu, aus der Eifel oder der Uckermark nach Berlin zu holen. „In der Anfangszeit haben mich die Leute für bekloppt erklärt. Nur mit deutschem Käse handeln, das ist 'ne Eintagsfliege, das kann nicht klappen, haben sie gesagt.“ Falsch getippt: „Das ist jetzt sechs Jahre her, und siehe da, mich gibt es immer noch“, freut sich der 30-Jährige - und Käse-Enthusiasten aus etlichen Orten freuen sich mit. Denn der sympathische Genussmensch hat sich nicht nur einen festen Platz in der Berliner Käseszene und Spitzengastronomie erobert, sondern er begeistert auch deutschlandweit immer mehr Leute für seine exzellenten deutschen Hart- und Weichkäse aus Kuh-, Ziegen- und Schafsmilch.

Käse- und Süßweinprobe auf Gut Hermannsberg an der Nahe.
Käse- und Süßweinprobe auf Gut Hermannsberg an der Nahe.
 
Und wie kommt der Käse zum Kunden? An Endverbraucher verkauft der 30-Jährige seine Ware in Berlin einmal wöchentlich direkt an einem Verkaufsstand bei Coledamp’s & Companies, für Anfang 2015 ist die Eröffnung eines Käsegeschäftes geplant. Auf Anfrage verschickt Blomeyer via E-Mail eine Preisliste und versendet seine Käse auch deutschlandweit per Post.

"Gepferrtes Ärschele" kombiniert mit Riesling Auslese

„Ich wünsche mir, dass immer mehr Leute verstehen, dass es in Deutschland fantastischen Käse gibt und sie sehen, welche kulinarischen Goldstücke vor der eigenen Haustür liegen“, sagt Blomeyer, dessen feines Näschen für Spitzenkäse aus Deutschland bemerkenswert ist. Immer wieder gelingt es ihm, kleine Käsereien ausfindig zu machen, die besondere Sorten in ausgezeichneter Qualität herstellen. Vier Paradebeispiele für die hohe deutsche Käsekunst stellte der Berliner jüngst auf Gut Hermannsberg an der Nahe vor, unter anderem einen 24 Monate lang gereiften Bergkäse aus dem Oberallgäu und den mit Obstbaumasche überzogener Ziegenfrischkäse „Chevre noir“ aus der Eifel. Zudem konnten zwei Weichkäse aus einer Bio-Käserei in Wangen (Allgäu) probiert werden, und zwar der Weichkäse Blauroter, bei dessen Erzeugung Blauschimmel und Rotschmiere kombiniert werden, und das „Gepfefferte Ärschle“, ein extrem rahmiger Rotschmierkäse mit Madagaskarpfeffer-Körnern. Dazu präsentierte Oenologin Grit Böttcher, tätig im Verkauf des Gutes Hermannsberg, drei fruchtsüße Rieslinge: eine Rotenberg Spätlese 2013, eine Steinberg Spätlese 2013 und die Kupfergrube Auslese 2013. Alle Käse-Wein-Kombis wussten zu überzeugen und beweisen auf geschmacklich beeindruckende Weise, wie viel „Pfeffer“ in dem doch etwas „breitgetretenen“ Thema „Käse und Wein“ steckt, wenn auf beiden Seiten außergewöhnliche und charakterstarke Erzeugnisse zum Einsatz kommen, die von Industriegummigouda und Einheitsweinplörre etliche Lichtjahre entfernt sind.

Zwei, die gut zueinander passen: Grit Böttcher und Fritz Loyd Blomeyer kombinieren Käse und Riesling.

Willkommen zurück! Fritz rollt wieder Käse an

Wer es selbst schmecken möchte: Am Wochenende 6. und 7. Dezember tritt Blomeyers Käse zum zweiten Mal die Reise zum Gut Hermannsberg, das 1901 als Königlich-Preußische Weinbaudomäne gegründet wurde, an. Mitarbeiter Paul (siehe Fotocollage oben / Bild links beim Käse servieren) nimmt dort am kleinen aber feinen Weihnachtsmarkt des Gutes teil und sorgt dafür, dass sich Besucher einen Käseteller mit einer Auswahl von einzigartigem Käse aus deutschen Landen in Kombination mit einem Glas „Blanc de Blancs Brut“-Sekt oder einem Wein des Gutes schmecken lassen können. „Natürlich bringen wir auch ausreichend Käse mit, so dass sich Marktbesucher gleich noch für die Feiertage eindecken können“, verspricht Käse-Händler Fritz Lloyd Blomeyer, der - und damit schließt sich der Kreis dieser Geschichte - seinen Käse und einen guten Wein am allerliebsten in Kombination mit entspannten Reggae-Rhythmen genießt.
In diesem Sinne: „Roots, rock, cheese ‘n reggae: dis a reggae music!“ (Bob Marley)


Service & Bezugsquellen

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Dr. Christine Dinse hat zum 100. Geburtstag der ehemals königlich preussischen Weinbaudomäne ein prächtiges, das reich bebildertes Buch Gut Hermannsberg - Die Geschichte der königlich-preussischen Rieslingdomäne* herausgebracht, das nicht nur die ereignisreiche Geschichte des Gutes im Kontext zur deutschen Wein-, Kultur- und Zeitgeschichte beleuchtet. Mit Originalakten und Verkostungsnotizen, historische Karten, Fotos, Dokumenten und prächtigen Landschaftsaufnahmen zeichnet das großformatige Buch (28 x 29 cm) auf 270 Seiten eindrucksvoll den über 110 Jahre langen Weg vom „fiskalischen Musterweinberg“ zur Jahrhundertwende bis zum „Neuanfang“ als Gut Hermannsberg im Jahr 2009 nach. Lesens- und sehenswert! Das Buch Gut Hermannsberg - Die Geschichte der königlich-preussischen Rieslingdomäne* bekommst Du unter anderem hier*.


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Kommentare :

  1. Hört sich sehr, sehr interessant an, habe gerade mal die Preisliste angefordert.

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    1. Ja, die vier Käse, die ich auf Gut Hermannsberg probieren konnte, waren alle top! Unbedingt probieren solltest Du mal den Weichkäse Blauroten, das ist was ganz Feines und Ausgefallenes, und seinen 24 Monate alten Rohmilchbergkäse aus dem Oberallgäu / Sennerei Diepholz. Der hat durch die lange Reifung viele eingelagerte Salzkristalle gebildet, die den Käse mit - O-Ton Fritz - "Geschmacksknöspchen des Glücks" durchsetzen. Echt crispy, wirklich toll. Auch das "Ärschle" ist unbedingt empfehlenswert, durch die Doppelrahmstufe total rahmig und der Urwaldpfeffer steckt als ganzes Korn drin und entfaltet beim Draufbeißen eine wundebar mild-fruchtige Schärfe.

      Viele Grüße,
      Kai

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