Freiheit & Verpflichtung: Zu Besuch im ältesten Familienweingut Deutschlands und jüngsten Weingut an der Nahe


Die Winzer Felix Prinz zu Salm-Salm und Phil Klein


25|10|2018   Dort altehrwürdige Weingüter mit großen Namen – hier Newcomer, die bei null anfangen und ihr Gut vom ersten Stein (und Wein) an neu aufbauen. Weinbau in Deutschland hat eine jahrhundertelange Tradition, die von vielen alteingesessenen Weingütern seit Generationen fortgeschrieben wird, aber auch von blutjungen Winzern, die ihren Betrieb neu gründen und dem Historienbuch des Weinbaus völlig neue Kapitel hinzufügen. Was unterscheidet sie? Wie (anders) gehen der Neueinsteiger und der Alteingesessene den Weinbau an? Treffen hier zwei völlig verschiedene Welten aufeinander, oder gibt es Gemeinsamkeiten - und wenn ja welche? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, mache ich mich in der Weinbauregion Nahe auf den Weg, und zwar zu einem sehr alten und einem sehr jungen Weingut. In der Weinbaugemeinde Wallhausen besuche ich das älteste Familienweingut Deutschlands, in Weinsheim das allerjüngste Gut der Region.


Denken wie ein Startup: das Weingut Prinz Salm


»Wir müssen mehr denken wie ein Start-Up-Unternehmen – und das viel öfter und intensiver!« Da schau her, das ist ein Statement, und zwar eines, das mich überrascht. Denn es fällt sehr früh, ja, fast zu Beginn meines ersten Gespräches und zudem an unerwarteter Stelle. Ich befinde mich nämlich nicht in dem frisch gegründeten Weingut des »Start-Up-Winzers«, den ich erst morgen besuchen werde, sondern im steinalten Weingut der Prinzen zu Salm-Salm in Wallhausen – und steinalt ist hier mitnichten übertrieben. Mehr Tradition, mehr familiäre Weinbaugeschichte als an diesem Ort geht kaum. Das Schlossgut Prinz Salm ist das älteste Weingut in Familienbesitz, und zwar nicht nur an der Nahe, sondern deutschlandweit. Über 800 Jahre Weinbau kann das Weingut Prinz Salm der Prinzen zu Salm-Salm in Wallhausen in die Waagschale werfen. 32 Generationen ungebrochene Weinbau- und Familientradition sind verbrieft, die älteste bekannte Urkunde über einen Weinbergsbesitz der Familie stammt aus einem Güterverzeichnis des Jahres 1200 – das nenne ich Tradition.

Winzer Felix Prinz zu Salm-Salm aus Wallhausen
Felix Prinz zu Salm-Salm

Die Kennzahlen des Gutes: 

Der Weingutsbetrieb ist seit 2015 an Felix Prinz zu Salm-Salm überschrieben, in dessen Händen aber bereits seit 2007 – damals ist er 25 Jahre alt – die Betriebsleitung liegt. Im Folgejahr 2008 beendet Felix Prinz zu Salm-Salm sein Studium zum Dipl. Ingenieur für Weinbau und Oenologie. Der heute 36-Jährige ist der zweitälteste Sohn von Prinzessin Philippa (von Hause aus Gräfin zu Castell-Castell und Spross einer fränkischen Weindynastie) und Michael Prinz zu Salm-Salm, der unter anderem 17 Jahre lang als Präsident des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter Weinbaugeschichte mitprägte. 

"Man will ja nicht irgendwann als derjenige in den Geschichtsbüchern stehen, der 800 Jahre familiäre Weinbaugeschichte in den Sand gesetzt hat.
Felix Prinz zu Salm-Salm.

Bewirtschaftete Rebfläche: 18 Hektar (11 an der Nahe, 7 in Rheinhessen). Rebsortenspiegel: ca. 75 % Riesling, 12 % Spätburgunder, daneben Grauburgunder, Scheurebe, Merlot. Seit 1988 ökologischer Weinbau, seit 1995 zertifizierter Naturland-Betrieb. Jahresproduktion: ca. 120000 Flaschen. Mitarbeiter: fünf feste plus bis zu zwölf Saisonkräfte. Unterstützt wird Felix Prinz zu Salm-Salm bei der Betriebsführung durch seine Frau Victoria, die als gelernte Marketingfachfrau die Bereiche Kommunikation und Marketing verantwortet.

Schloss Wallhausen und Weingut Prinz Salm
Schloss Wallhausen ist Stammsitz der Prinzen zu Salm-Salm und Betriebssitz des Weingutes Prinz Salm.

»Die Aufgabe, das Schlossgut zu führen, ist eine große und zugleich grandiose Verantwortung«, erzählt mir Felix Prinz zu Salm-Salm. Groß, weil die alten Gemäuer des Schlossgutes Geschichte aus jedem Stein ausatmen und sich der 36-Jährige bewusst ist, dass er das momentan verantwortliche Glied dieser immens langen Familienkette ist. »Man muss sich das einmal vorstellen. Vor 800 Jahren, als meine Vorfahren mit Weinbau begannen, war Hochmittelalter, die Blütezeit des Rittertums.« Ein reiches, ein gewaltiges Erbe. »Das verpflichtet?«, frage ich. »Ja, unbedingt. Man will ja nicht irgendwann als derjenige in den Geschichtsbüchern stehen, der 800 Jahre familiäre Weinbaugeschichte in den Sand gesetzt hat«, so Felix Prinz zu Salm-Salm. »Das belastet?« »Nein«, antwortet der 36-Jährige ohne zu zögern. »Als Last habe ich dieses Erbe tatsächlich nie empfunden. Als große, als anspruchsvolle Aufgabe, ja, klar. Denn es ist an mir, dieses Gut als Zwischenglied einer langen Kette am Leben zu erhalten, fortzuentwickeln und weiterzugeben.« »Und das belastet nicht?«, hake ich nach. »Nein. Denn bei der Bewältigung dieser Verpflichtung darf ich auf das Wissen und den reichen Erfahrungsschatz meiner Vorfahren bauen. Und nicht nur das. Der Hauptgrund, warum ich diese Verpflichtung als grandiosen Ansporn und nicht als Last empfinde, ist wohl, dass in unserer Familie ein die Vergangenheit und Zukunft überspannendes Denken und Handeln quasi in die DNA übergegangen sind.«

Riesling Auslese vom Weingut Prinz Salm
Altes Schätzchen: eine Riesling Auslese Jahrgang 1990 der Weingutes Prinz Salm.

Die Weichen stellen – aber richtig


Nachvollziehbar, speziell für einen Weinbaubetrieb, denn die hier getroffenen Entscheidungen haben Auswirkungen für viele Jahre. »Wie und auf welche Weise ich heute Wein mache, das legt die Wegrichtung für folgende Jahrzehnte und für folgende Generationen fest«, so Felix Prinz zu Salm-Salm. »Welche Reben pflanze ich heute an? Wie pflege ich meine Reben, meine Weinberge? Wie erhalte ich die Weinbergsböden lebendig und gesund? Wie richte ich meine Weinkollektion aus, welchen Markt, welche Kunden will ich wie bedienen? Das alles hat direkte Auswirkungen für mindestens die nächsten zwei, drei oder vier Jahrzehnte«, räsoniert der 36-Jährige. Wie ein Stein, den man ins Wasser wirft, erzeugt eine heute für den Weinbaubetrieb getroffene Entscheidung sehr weitreichende Wellen – und genau an diesem Punkt unseres Gespräches bildet sich ein Bogen zu jenem zunächst überraschenden Satz, den Felix Prinz zu Salm-Salm zu Beginn unseres Gespräches sagte: »Wir müssen mehr denken wie ein Start-Up-Unternehmen – und das viel öfter und intensiver!« Warum? »Wir haben hier doch nur so lange gelebt und überlebt, weil jede Weinbaugeneration die für ihre jeweilige Zeit richtigen Entscheidungen getroffen hat. Und die richtigen Entscheidungen heute sind andere als diejenigen vor 30 Jahren«, so Felix Prinz zu Salm-Salm. Will heißen: Tradition hin oder her, jede neue Betriebsführung ist immer auch eine »Start-Up-Generation«, die neu darüber nachdenken muss, wie die Weichen genau jetzt zu stellen sind, um das Schlossgut erfolgreich in die Zukunft zu führen.


Lauter »Kleine Weine«: das Weingut klein.wine


Luftlinie rund sieben Kilometer vom Schlossgut Prinz Salm entfernt haben Gegenwart und Zukunft für das Weingut von Phil Klein gerade erst begonnen, denn es ist das momentan jüngste Weingut an der Nahe. Ende 2015 meldete der damals 21-Jährige seinen Betrieb bei der Landwirtschaftskammer an, 2016 wird der erste Jahrgang gefüllt, knapp 6000 Flaschen von vier verschiedenen Weinen. Passend zum Familienname und der kleinen Dimension des Gutes (rund 1,5 Hektar) werden die Weine Kleiner Sylvaner, Kleiner Riesling, Kleines Herz und Kleiner Zarter getauft, die Website lautet www.klein.wine, als Gutsname bürgert sich »klein.wine« ein.

Winzer Phil Klein aus Weinsheim
Phil Klein

Die Kennzahlen des Gutes:

Betriebsführung: Phil Klein, 24 Jahre alt, seit Juli 2018 Bachelor of Science Weinbau und Oenologie, Vater Kfz-Mechanikermeister, Mutter Mitarbeiterin in einem Unternehmen für Hochleistungsoptiken. Bewirtschaftete Rebfläche: bis 2017 ca. 1,7 Hektar (davon 1,5 in Schlossböckelheim, der Rest in Weinsheim), ab 2018 ca. 1,5 Hektar ausschließlich in Weinsheim. Rebsorten: Hauptrebsorte bei Betriebsgründung war Silvaner, daneben wurden und werden Riesling und Rivaner angebaut. Neu hinzugekommen sind die Rebsorten Spätburgunder und Dornfelder, die mit zusammen circa 0,8 Hektar inzwischen den größten Teil der Rebfläche einnehmen.

"Wir brauchen keine Erwartungen erfüllen, sondern können einen eigenen Stil kreieren, eine komplett neue und eigene Handschrift erfinden"
Phil Klein

Die Weinberge werden naturnah und nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. Jahresproduktion: Jahrgang 2016 vier Weine in einer Stückzahl von zusammen ca. 6000 Flaschen, vom aktuellen Jahrgang 2017 wird es drei Weine (Silvaner und Riesling) und weniger als 2000 Flaschen geben. Ein Rotwein soll demnächst folgen. Mitarbeiter: Keine - aber einige zupackende Familienmitglieder im Hintergrund.

Weingut klein.wein von Phil Klein
Frisch gebaut: das Betriebsgebäude des Weingutes "klein.wine" in Weinsheim.

Bei der Betriebsführung kann Phil Klein – und hier haben wir bereits eine Parallele zum Weingut Prinz Salm – auf weibliche Unterstützung bauen, und zwar auf die seiner Freundin Christin Leydecker (Naheweinprinzessin 2017/2018). Die lernt der Weinsheimer 2015 im Weingut Georg Breuer in Rüdesheim kennen. Christin absolviert dort ein Praktikum, danach ihre Winzerausbildung, Phil stößt 2015 in seinen Semesterferien als Praktikant dazu. (Interessante Randnotiz: Einige Jahre zuvor hätten beide in dem Rüdesheimer Weingut auch auf Felix Prinz zu Salm-Salm treffen können, denn der absolviert 2001 im Alter von 19 Jahren ein Praktikum bei den Breuers.) Als ausgebildete Gestalterin für visuelles Marketing kümmert sich die 26 Jahre alte Tochter eines Elektrikers und einer Justizfachangestellten, im Weingut um Marketing- und Designfragen, aber nicht nur um die. Als gelernte Winzerin sowie frischgebackene stattlich geprüfte Wirtschafterin für Weinbau und Oenologie bringt sie sich auch im Weinanbau und -ausbau ein. Beide betreiben das Gut im Nebenerwerb, Phil Klein arbeitet hauptberuflich an drei Werktagen pro Woche in einem Weingut in Schlossböckelheim.

Riesling von Winzer Phil Klein aus Weinsheim
Jungspund: ein Riesling aus dem Premierejahrgang 2016 des Gutes "klein.wine".

»Sofort als wir uns kennenlernten«, erinnert sich Phil Klein, »habe ich Christin von meinem Traum erzählt, irgendwann einmal ein eigenes Weingut zu gründen. Und dann hat’s irgendwann Klick gemacht. Warum, haben wir uns gefragt, machen wir das nicht jetzt? Ja, wir steckten beide noch in der Winzerausbildung beziehungsweise im Weinbaustudium. Aber ist nicht genau jetzt die Zeit, zu der wir noch jung sind, zu der wir vor Ideen und Kraft strotzen und noch viele Jahrzehnte in das Wachsen unseres Weingutes investieren können?« Als sich dann kurzfristig die Möglichkeit ergibt, Weinbergsflächen in Schlossböckelheim zu pachten, wird der Familienrat in Weinsheim zusammengerufen. Die Entscheidung fällt: Los geht‘s! Mit wenig bis gar keiner Weingutsausstattung (»Außer ein paar Stickel und Rebscheren hatten wir ja nichts.«) machen sich Phil und Christin mit Unterstützung der Familie von den Eltern bis zur Oma an die Arbeit, der erste Jahrgang wird in der großen Garage des elterlichen Wohnhauses in Weinsheim ausgebaut, nach und nach das für die Arbeit benötigte Equipment angeschafft. Inzwischen steht als neueste Errungenschaft unterhalb des Wohnhauses ein Betriebsgebäude mit 75 Quadratmetern Nutzfläche, in dem Platz für die Traubenanlieferung, Presstechnik, Edelstahlgebinde und einige Barriquefässer ist.

Bei Null anfangen, das ist Lust und Last zugleich


»Wein wird ja überall ähnlich gemacht, aber was sind die Unterschiede zwischen einem Start-Up-Weingut und einem seit Generationen etablierten Weingut?«, frage ich. »Ganz klar: Bei null anzufangen, das bringt Vorteile, aber auch ein paar Hürden mit sich«, so Phil Klein, und einige davon liegen auf der Hand. Da ist zum einen der hohe Investitionsbedarf, denn Weinberge, Betriebsgebäude und technische Ausstattung müssen neu angeschafft werden. Das Maß an Aufbauarbeit ist enorm, und auch in Sachen Praxiserfahrung haben die Start-Up-Winzer das Nachsehen, »denn wir müssen alle Erfahrungen selbst sammeln und können nicht auf den Erfahrungsschatz von weinbaukundigen Vorfahren zurückgreifen.« Ein schwieriges Feld für die »Neustarter« ist zudem die Kundengewinnung: »Unser kleines Weingut hat ja keinen großen Namen. Als wir losgelegten, hat uns ja gewissermaßen keiner gekannt«, so Christin Leydecker.

Winzer Phil Klein und Winzerin Christin Leydecker
Eingespieltes Doppel: Winzerin Christin Leydecker und Winzer Phil Klein.

Um auf dem Markt Fuß zu fassen und Kunden zu gewinnen, muss das kleine Weingut also große Marketing-Anstrengungen unternehmen. Doch alle diese Punkte haben auch eine andere, eine positive Seite der Medaille, und die trägt den Namen Freiheit. »Für uns ist kein Rahmen vorab abgesteckt, kein Feld bereits bestellt. Wir brauchen keine Erwartungen erfüllen, sondern können unser Gut von A bis Z nach eigenen Vorstellungen neugestalten, einen eigenen Stil kreieren, eine komplett neue und eigene Handschrift erfinden«, so Phil Klein


Ob alt oder jung: Winzer-Handschrift als "work in progress"


Wie diese Handschrift aussieht und welche Geschichte damit geschrieben wird, das ist im Weinsheimer »Weingut der Klein(en)-Weine« noch im Fluss. Seit Betriebsstart wurde der Großteil der Rebanlagen getauscht und auch der Rebsortenspiegel hat sich gravierend verändert, so durch die Neuaufnahme von roten Rebsorten, die inzwischen über 50 Prozent der Rebfläche ausmachen. »Der Rotwein wird entsprechend künftig eine große Rolle in unserem kleinen Sortiment spielen«, so Christin Leydecker. Daneben sollen Sylvaner und Riesling weiter im Fokus stehen, eine gutseigene dreistufige Weinklassifizierung, die sich auch in der Etikettengestaltung widerspiegeln soll, ist in Arbeit

Riesling vom Weingut Klein und Prinz Salm
"Kleines Herz" und große Tradition: Rieslinge vom Weingut klein.wine und Prinz Salm.

Im jungen Weingut »klein.wine« in Weinsheim ist noch fast alles in Bewegung, im Jahrhunderte alten Weingut Prinz Salm in Wallhausen vieles etabliert. Aber auch dort wird in jeder Generation die Gutsgeschichte in einer neuen Handschrift fortgeschrieben, und genau in diesem Sinne ist Felix Prinz zu Salm-Salm ebenso ein Start-Up-Winzer wie Phil Klein. »Was ist unser Weg, wo wollen wir hin? In den vergangenen Jahren haben wir im Schlossgut Weichenstellungen vorgenommen, deren Auswirkungen sich erst nach und nach zeigen werden«, so Felix Prinz zu Salm-Salm, der unter anderem von einer Vision angetrieben wird: »Ich möchte, dass unsere Weine noch mehr Herkunft ausdrücken, noch mehr Charakter zeigen.« Der Weg dorthin: ein noch stärkerer Auftritt des Schlossgutes in steilen und hohen Lagen. »In den vergangenen zehn Jahren haben wir unsere Rebfläche in der Spitzenlagen Felseneck und Johannisberg von zwei auf sechs Hektar verdreifacht. Über 80 Prozent unserer Lagen sind heute als ‚Erste Lage‘ oder ‚Große Lage‘ nach VDP-Statut klassifiziert«, so Salm-Salm, der sich sicher ist: »Diese Verschiebung ist eine Revolution für unseren Betrieb.« Eine Revolution, die erst in den kommenden Jahren ihre volle Wirkung entfalten wird, weshalb sich der 36-Jährige auch sicher ist: »Meine Handschrift, die wird sich erst in den nächsten zehn Jahren so richtig zeigen.« Ich bin mir sicher: bei Phil Klein und Christin Leydecker wird dies genauso sein.

Anspieltipps:


Weingut Phil Klein
Riesling „Kleines Herz“
„Kleiner Sylvaner“


Weingut Prinz Salm

Grünschiefer Riesling
Dalberger Ritterhöhle Riesling

Text & Fotos: Kai Brückner