Der Kabi - nett, aber entbehrlich? Ist der Kabinett noch zu retten - und wenn ja, wie?

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Riesling Kabinett Workshop des DWI


17|02|2018   Kleines Quiz für Weinfreunde: Welche Weine würdet Ihr als passende Begleiter zu folgenden drei Speisen auswählen? Erstens: Gebackene Blutwurst-Praline mit Cassis und Walnuss. Zweitens: Chicorée mit Schinkenscheiben vom 36 Monate luftgetrockneten Iberico Bellota. Drittens: Wildgulasch in tiefdunkler, sämiger Sauce? Na, Vorschläge? Persönlich könnte ich mir zur Blutwurstpraline sehr gut einen gereifteren roten Châteauneuf-du-Pape mit seinen tiefgründigen würzig-erdigen Noten vorstellen. Zum Chicorée mit Iberico Bellota würde mit Sicherheit ein im Holz ausgebauter weißer Burgunder oder Chardonnay, dessen Fruchtaromen von einem Touch Haselnuss, Vanille und Rauch begleitet werden, passen. Und der Wein zum Wildgulasch in der dickflüssigen Jus? Vielleicht ein nach schwarzem Pfeffer, Pflaume, Schokolade und Leder duftenden reinsortigen Syrah. Oder einen hochklassigen und samtigen Pinot noir aus dem Barrique mit Anklängen von Brombeeren und Pflaume, Zimt, Pimentkorn und weißem Pfeffer.

Blutwurstpraline, Chicoreé mit Iberico Schinken und Wild in dunkler Jus
Blutwurstpraline, Chicoreé mit Iberico Schinken und Wild in dunkler Jus werden begleitet von . . . 


Und - ähnlich gewählt? Hört sich auch gut und passend an, ist aber leider . . . alles falsch. Im Hotel-Restaurant Kronenschlösschen, wo diese kleinen Leckerbissen jüngst serviert wurden, stand ein gänzlich anderer Wein als Begleiter neben den Speisen, und zwar ein . . . Riesling Kabinett. Mit Restsüße! In allen drei Fällen! Und nicht nur in denen. Denn der im Kronenschlösschen aufgebaute Speisen- und Weinparcours mit seinen zehn Stationen, an denen beispielsweise auch Sauerkraut mit Kartoffelstampf und gebratenem Zander, Krustentier-Mousse mit Oliven-Tapenade, Sushi oder Schweinebauch mit Sellerie und grünem Apfel geboten wurden, war von vorne bis hinten und ausschließlich mit Riesling Kabinett bestückt - neun davon restsüß, nur einer trocken.

Riesling Kabinett Weine
. . . restsüßen Kabinett Rieslingen aus Rheinhessen, von der Mosel und aus dem Rheingau.


Echt jetzt? Das geht? Fast ausnahmslos restsüße Riesling Kabinette zu herzhaften und würzigen Speisen? Und wie das geht! Für die zehn Kabinette der Jahrgänge 1983 bis 2016 aus fünf verschiedenen rheinland-pfälzischen Anbaugebieten war es ein leichtes, die kleinen Leckerbissen aus der Feder von Küchenchef Simon Stirnal und seinem Kronenschlösschen-Team kongenial zu begleiten. Wer entlang des Speisen- und Weinparcours schlenderte und die erstaunliche Kombinationsfähigkeit des Riesling Kabinetts am eigenen Gaumen erlebte, konnte gar nicht anders, als Sommelière Christina Fischer zuzustimmen. Angesichts der erstaunlichen Passgenauigkeit zu den unterschiedlichen Speisen pries die Weinfachfrau den Kabinett als "phänomenale Wunderwaffe" der Gastronomie an - und Recht hat sie! Punkt.

"Man muss den Zauber eines Kabinetts einfach erleben. Diese Süße, Säure und Frucht, die leichtfüßig und elegant über die Zunge tanzen, das ist einfach unnachahmlich!"
Christina Fischer

Allerdings: Genau dieses Multitool-Potential des Kabinetts  - salopp von Winzern auch gerne Kabi genannt -  ist in der Breite der Gastronomie (und auch bei Weinfreunden) noch nicht im ausreichenden Maß angekommen - und genau das macht diesem Weinprädikat und Weintyp das (Über)Leben schwer - ein "Schicksal", das der Kabi mit seiner restsüßen Schwester, der Spätlese, teilt.

Sommeliere Christina Fischer
Sommelière Christina Fischer weiß, was die Stunde für den klassischen Kabinett geschlagen hat.


Ist der klassische Kabinett also noch zu retten - und wenn ja, wie? Um dieser Frage nachzugehen, hatte das Deutsche Weininstitut (DWI) jüngst zum zweitägigen Workshop rund um die Themen "Rheingau" und "Wein als Marke" eingeladen. Zur Podiumsdiskussion unter dem Titel "Für und Wider des klassischen Kabinetts" begrüßten DWI-Abteilungsleiter Steffen Schindler am ersten Veranstaltungstag unter anderem Weinfachleute mit den Ausbildungstiteln "Diploma Wine & Spirit Education Trust" / "Weinakademiker", darunter auch die beiden Regionalpräsidentinnen Deutschland des Clubs der Weinakademiker, Waltraud Lanius und Christina Fischer. Letztere nahm dann auch zur Diskussion auf dem Podium Platz, und zwar neben den vier rheinland-pfälzischen Winzern Caroline Diel (Schlossgut Diel, Nahe), Dorothee Zilliken (Weingut Forstmeister Geltz Zilliken, Mosel), Dr. Rowald Hepp (Weingutsleitung Schloss Vollrads, Rheingau) und Kai Schätzel (Weingut Schätzel, Rheinhessen).

Die Winzer Dr. Rowald Hepp , Caroline Diel, Dorothee Zilliken und Kai Schätzel
Dr. Rowald Hepp , Caroline Diel, Dorothee Zilliken und Kai Schätzel (von oben links nach unten rechts).

 

Der "Kabi" - nett, aber entbehrlich?

"Riesling Kabinett ist für uns eine Herzensangelegenheit", betonte Caroline Diel gleich zu Beginn der Diskussion. "Die Kombination von Frucht, Säure, Süße und niedrigem Alkoholgehalt ist einmalig, das macht den klassischen Kabinett zu einem typisch deutschen Wein", so die Nahewinzerin, die dafür Zustimmung von ihren Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Weinbauregionen bekam. "Der Kabinett besitzt eine Eleganz, die nicht austauschbar, nicht kopierbar ist. Das macht diesen Weintyp einmalig - weltweit", pflichtete Dorothee Zilliken bei. Alles im grünen Bereich für den deutschen Kabinett also? Mitnichten! Die Lage, in welcher sich der Kabinett seit geraumer Zeit befindet, ist alles andere als wohl balanciert.

Steffen Schindler, Leiter derAbteilung Marketing des DWI
Steffen Schindler, Leiter der Abteilung Marketing des Deutschen Weininstituts.


Aktuelle Fakten dazu präsentierte Steffen Schindler. Der Leiter der DWI-Abteilung Marketing hatte zum Workshop die neuesten statistischen Zahlen aus den Qualitätsweinprüfstellen mitgebracht - und die zeigten deutlich das Dilemma für die deutschen Weine mit Restsüße auf. "Rund 70 Prozent aller deutschen Weine", so Schindler, "wurden im vergangenen Jahr trocken oder halbtrocken abgefüllt". Die aktuellen Zahlen aus der Qualitätsweinprüfung zeigen dabei: der Anteil der halbtrockenen Weine blieb 2017 mit 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr konstant, es wurden aber rund zwölf Millionen Liter mehr Qualitäts- und Prädikatsweine im trockenen Segment abgefüllt. Das bedeutet: Annähernd 48 Prozent und somit fast die Hälfte aller qualitätsgeprüften Weine (diese stellen mit über 90 Prozent den Großteil der Erzeugung in Deutschland dar) sind trocken - im Jahr 2010 waren es sieben Prozent weniger, im Jahr 1985 mit nur 16,1 Prozent sogar deutlich weniger. "Der Trend ist eindeutig und ungebrochen: Wie in den Jahren zuvor steigt der Anteil der trockenen Weine weiter an, und jener der rest- und edelsüßen nimmt weiter ab", so DWI-Abteilungsleiter Steffen Schindler.

"Ich finde, ein Versäumnis der vergangenen Jahre ist, dass wir süße Weine nicht ‚cool‘ gemacht haben."
Steffen Schindler

Das trockener Wein einmal die Hälfte der Qualitäts- und Prädikatswein-Produktion in Deutschland ausmachen wird, darauf hätten in den 70er Jahren selbst Experten der Weinbranche keine halbe Flasche Rheingauer Schloss Johannisberg Riesling Kabinett verwettet. Trockene Weine fristeten damals ein Nischendasein unter der Fünf-Prozent-Marke – heute stehen sie kurz davor, die 50-Prozent-Latte zu überspringen. Dafür sorgten in den vergangenen Jahrzehnten Einflussfaktoren wie die fortschreitende Globalisierung des Weinhandels und der weltweite Klimawandel, auf nationaler Ebene unter anderem aber auch die Weingesetzgebung. Durch das deutsche Weingesetz von 1969 und speziell durch die Schaffung einer gemeinsamen Marktordnung für Wein in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1970, deren Regelungen in Deutschland mit dem neuen Weingesetz 1971 in Kraft traten, veränderte sich die deutsche Weinlandschaft und das Weinbezeichnungsrecht nachhaltig. Ein Hauptgrund dafür: Das in den Folgejahren mehrfach modifizierte Weingesetz teilte deutsche Weine ausschließlich nach dem Zuckergehalt des Mostes (gemessen in Grad Oechsle) in vier Güteklassen ein: Tafelwein, Landwein, Qualitätswein und Prädikatswein ein. Für das Prädikat Kabinett wurden 73 Grad Oechsle, für Spätlese die Verwendung von vollreifen Trauben aus einer späten Lese mit mindestens 85 Grad Oechsle festgeschrieben.


Raus aus der Schatzkammer, rein in die Nische

Die EWG-Weinmarktordnung und das vom Sommer 1971 an gültige neue deutsche Weingesetz gingen gehörig quer zu einigen alten, liebgewordene Gewohnheiten und Vorstellungen der Weinfreunde und schossen zudem althergebrachte Werte (aber auch Unwerte) zusammen. Nicht unberührt blieb davon auch die Welt des Kabinetts – dessen tiefste Wurzeln Jahrhunderte tief in die Zeit hineinreichen. Wie Weingutsleiter Dr. Rowald Hepp beim Workshop zu berichten wusste, belegt ein Dokument aus der Feder von Johann Erwein Graf von Greiffenclau aus dem Jahr 1716, das zu jener Zeit auf Schloss Vollrads im Rheingau eine "Schatzkammer" für besonders hochwertige Rieslinge gebaut wurde. Dieser Raum im Weingutskeller wurde mit dem französischen Wort Cabinet (kleines Zimmer, das der Sammlungen spezieller Kunstobjekte dient) bezeichnet. Ähnlich verfuhren - was durchaus wahrscheinlich, mit schriftlichen Dokumenten aber nicht belegt ist - auch die Mönche im benachbarten Klosters Eberbach. Fest steht: das Wort Cabinet, das auch als Zusatz zu Prädikaten wie Spät- oder Auslese auf den Etiketten von Weinflaschen auftauchen konnte, signalisierte Weintrinkern seither über Jahrzehnte, dass sie allerhöchste Weinqualität in den Händen hielten. "Denn nur die allerbesten Rieslinge eines Jahrgangs wurden zum Reifen ins Cabinet gelegt", so Hepp. Und so blieb es für lange Zeit . . . aber nicht ewig.

Dr. Rowald Hepp
"Niedriger Alkoholgehalt plus voller Geschmack - das geht mit dem Riesling Kabinett. Das ist ein Pfund, mit dem dieser Weintyp wuchern kann."  Dr. Rowald Hepp.


Das deutsche Weingesetz von 1971 kam, und es löscht den jahrhundertealten Ausdruck für höchste Qualität mit einem Schlag aus. Der „Cabinet“ verschwand, der „Kabinett“ kam. Die neue Bezeichnung für die unterste Stufe der Prädikatsweine lehnt sich zwar eng am Begriff "Cabinet" an, doch der inhaltliche Unterschied ist gewaltig: Stand Cabinet noch für die besten und edelsten Weine eines Jahrgangs, definierte sich die Prädikatswein-Stufe Kabinett nicht mehr über die (Ausnahme)Qualität, sondern ausschließlich über das Mindestmostgewicht. Im Verbund mit einer Reihe weiterer Entwicklungen war dies ein Ausgangspunkt der Reise des klassischen Kabinetts in ein Nischendasein und eine ungewisse Zukunft. Was hat dazu beigetragen? Dazu einige Schlaglichter.


Tohuwabohu, QbA-Killer und Trocken-Doktrin

Profil- und Geschmacks-Tohuwabohu: Vor 1971 konnte ein Weinkonsument beim Wörtchen Cabinet auf einem Weinetikett zu 95 und bei einem Prädikat wie Spätlese zu 100 Prozent darauf wetten, dass er einen Wein mit Restsüße in den Händen hält. Das änderte sich in den folgenden Jahrzehnten deutlich. Erreichte ein Most das per Weingesetz vorgeschriebene Mindestmostgewicht, blieb es dem Winzer überlassen, ob er einen Kabinett, eine Spät- oder Auslese mit Restsüße, halbtrocken oder sogar trocken ausbaute. Verwirrend für die Verbraucher, die quasi erst beim zweiten Blick auf das Weinetikett darüber aufgeklärt wurden, welche Geschmacksrichtung ihr Prädikatswein denn nun einschlug. Gravierend wirkte sich dies auch auf die Prädikate aus, denn deren geschmackliche Profilierung wurde durch die mögliche Bandbreite von trocken bis süß immer unschärfer. Beim Kabinett zeigt sich die erzeugte Unschärfe, ja unter Umständen sogar Diskrepanz zwischen dem tradierten und erwarteten geschmacklichen Profil und der Realität besonders deutlich: Federleicht und tänzerisch, feinfruchtig, frisch und belebend – solche Attribute werden dem Kabinett gemeinhin zugeordnet. Klassische restsüße Riesling Kabinette mit um die 8 Volumenprozent Alkohol bilden dieses Geschmacksprofil noch ab – aber im selben Ring und unter identischer Kabinett-Flagge treten auch trockene Wuchtbrummen mit bis zu 13 oder mehr Volumenprozent Alkohol an. Wer soll das verstehen?

QbA killed the Kabinett-Star: Zur Erosion des Kabinetts trug und trägt im gewissen Maße auch der Qualitätswein bei. Für Prädikatsweine schrieb der Gesetzgeber einst Mindestmostgewichte vor und verbot zugleich eine Aufzuckerung, also die Erhöhung des Mostgewichtes durch die Zugabe von Zucker oder Traubenmost. Für Qualitätswein bestimmter Anbaugebiete (QbA) ist diese Anreicherung in einem vorgegebenen Rahmen aber erlaubt. Weinerzeuger können die Anreicherung nutzen, um ihren Qualitätsweinen mehr Alkohol oder – bei nicht vollständiger Vergärung - mehr Restsüße "mitzugeben", woran grundsätzlich auch nichts auszusetzen ist. Im Weinregal eines Händlers steht ein solcher QbA-Wein dann aber unter Umständen neben einen Wein mit dem Prädikat Kabinett, also aus der gehobenen Güteklasse, der zwar mehr kostet als der angereicherte QbA, aber weniger Ausgangsmostgewicht auf die Waage bringt und geschmacklich vom Konsumenten kaum von diesem zu unterscheiden ist.

Winzer Kai Schätzel
"Wir dürfen Kabinett nicht als Preisklasse verstehen, sondern müssen ihn als Stil, ja, als Religion begreifen."  Kai Schätzel


Forciert wurde das "Verwischen des Unterschieds" durch eine weitere Entwicklung: QbA Weine sind in der Breite immer süßer geworden und rückten dadurch dem Kabinett näher und näher auf den Pelz. "Qualitätswein, der in den vergangenen Jahrzehnten immer süßer wurde, und der Einsatz der Prädikate von trocken bis süß – diese beiden Faktoren haben den Kabinett ins Abseits gestoßen", propagiert deshalb beim Workshop auch Sommelière Christina Fischer. „Kabinett steht nicht mehr für ein Geschmacksprofil, Kabinett ist nur noch eine Typisierung für ein Preissegment“, so ihr Fazit – aber genau so darf es nicht sein, will der Kabinett weiter bestehen. „Wir dürfen Kabinett nicht als Preisklasse verstehen, sondern müssen ihn als Stil, ja, als Religion begreifen“, so Winzer und Kabinett-Adept Kai Schätzel.

Nur trocken kann rocken: Jahrhunderte lang prägten Weine mit Süße den deutschen Weinbau – im Inland, aber auch im Ausland, wo "bis in die 90er Jahre hinein trockene deutsche Weine quasi überhaupt gar nicht in Erscheinung traten", so Steffen Schindler. Doch gegen Ende des vergangenen Jahrtausends begann irgendwann die Zeit, in der "ganz Deutschland offenbar nur noch trocken trinken wollte", so Winzerin Dorothee Zilliken.

"Seit gut 30 Jahren wird den Leuten gehirnwäscheartig eingetrichtert: Trink‘ trocken, trink‘ trocken! Das zeigt Wirkung."
Dr. Rowald Hepp

Die Wurzeln, in denen diese "Trocken-Doktrin" gründet, reichen bis in die 80er zurück. Einer der Wurzelstränge: In den 70er und 80er Jahre pumpten Großkellereien massenhaft süße und einfach gestrickte Weine in den Export (Stichwort "Liebfrauenmilch" oder "Blue Nun") – was Kritiker zuvorderst in England und den USA dazu veranlasste, dem deutschen Wein insgesamt den Stempel "sweet and cheap" (süß und billig) aufzudrücken. Der ramponierte Ruf des deutschen Weines wurde noch weiter "geschrottet", als Mitte der 80er Jahre ans Licht kam, dass einige österreichische Winzer Weine mit dem Frostschutzmittel Diethylenglycol gesüßt hatten und einige dieser Tropfen bei deutschen Weingroßabfüllern als Verschnittpartner für andere Weinen genutzt wurden. Der Glykolwein-Skandal erschütterte den österreichische und deutschen Weinbau massiv und vervielfältigte das Misstrauen der Konsumenten gegenüber Weinen mit Süße – ein Misstrauen, das bis heute nachwirkt. "Das Wort Fruchtig oder Süß ist für manche Weinkonsumenten wie Krätze, Pest und Cholera zusammen", hat Winzerin Zilliken beobachtet.

Winzerin Dorothee Zilliken
"Die Eleganz, die ein klassischer Kabinett besitzt, ist einmalig und nicht kopierbar."  Dorothee Zilliken


Mit einer verstärkten Hinwendung zu trocken ausgebauten Weinen versuchten sich sowohl Weinerzeuger als auch Weintrinker von der Schmuddelecke „sweet and cheap“ abzugrenzen. Zugleich verstärken Winzer, Winzervereinigungen und Weinwerbung ihre Bemühungen, im In- und Ausland auf die Leistungen des deutschen Weinbaus im Bereich der trockenen Weine, die unter anderem durch den Klimawandel begünstigt werden, aufmerksam zu machen. Parallel dazu verstärkten andere Entwicklungen den Trend. In der Gastronomie machte sich die französische Haut und Nouvelle Cuisine breit – und diese wurde fast ausschließlich von trockenen Weinen begleitet. Ein ähnliches Bild zeigte sich in der speziell seit den 90er Jahren boomenden TV-Kochshowszene, wo die stetig wachsende Feinschmeckergemeinde zu den Rezepten und Kochtricks zumeist Tipps für trockene Weine als Speisebegleiter serviert bekam.


Kabinett: Ist die Reanimation der Marke machbar?

Weine mit Süße trinken, niemals, das ist doch sowas von altbacken und out. Weine mit Restsüße zum Essen entkorken, igitt, da hat aber jemand keine Ahnung, das machen doch nur Wein- und Gastro-Dilettanten. So ließe sich eine Liste der Vorbehalte, die durch die deutsche Weinkonsumenten-Szene geistern, einleiten. "Ich finde, ein Versäumnis der vergangenen Jahre ist, dass wir süße Weine nicht ‚cool‘ gemacht haben", stellte Schindler beim Kabinett-Workshop fest.

"Der Kabi kann's! Also, Leute: Trinkt ihn doch einfach!"
Kai Schätzel

Winzer Kai Schätzel hält den Vorbehalten ein "Leute, trinkt doch, was euch schmeckt!" entgegen – und ihm schmeckt zweifelsohne Riesling Kabinett. Der Winzer baut "aus persönlichem Hedonismus" mehr als 50 Prozent seiner Weine als klassische Kabinette aus. Kunden für diese findet er speziell in der Gastronomie, die von der Kombinationsfähigkeit der restsüßen Rieslinge zu Speisen ebenso begeistert sind wie der umtriebige Winzer und Kabinett-Verfechter aus Rheinhessen. "Der Kabi kann's! Der passt zu Shushi ebenso gut wie zu einem Stück Fleisch vom Grill. Also: Trink‘ ihn doch einfach!", so Schätzel.

Eine Feststellung, die sich beim Besuch des Speisen- und Weinparcours nach der Podiumsdiskussion verifizieren ließ. Zusammen mit Küchenchef Simon Stirnal und Kronenschlösschen-Sommelier Florian Richter hatte Sommelière Christina Fischer zehn Stationen mit Speise-Kabinett-Kombinationen bestückt, an denen sich die phantastische Kombinationsfähigkeit der vornehmlich restsüßen Kabinette erleben ließ. (Mehr zum Parcours weiter unten.)

Koch Küchenchef Simon Stirnal im Gespräch mit Christina Fischer und Steffen Schindler
"Ich hätte nie gedacht, dass man Riesling Kabinett so universell einsetzen kann."
Küchenchef Simon Stirnal im Gespräch mit Christina Fischer und Steffen Schindler.


"Kabinett besitzt im besten Fall eine herrliche Balance zwischen Frucht, Süße und Säure. Das schmeckt solo ‚bella figura‘, macht den klassischen Kabinett mit einigen Jahren Flaschenreife aber auch zur gastronomischen Geheimwaffe", so Christina Fischer. Wer durch den Speisen- und Weinparcours schlenderte und probierte, konnte dies nur dick unterstreichen. Allein: Beim Gastronomie-Kunden und in der Gastro-Szene angekommen ist das in der Breite noch nicht. "99,9 Prozent aller Gastronomie-Gäste wollen einen trockenen Wein zum Essen. Und für die eher seltenen Ausnahmefälle hält die Gastronomie ja auch so gut wie keine gereiften Kabinette bereit", so die Sommelière.

Speisen von Küchenchef Simon Stirnal
Koch Simon Stirnal schickte diese zehn Leckerbissen in den Speise- und Weinparcours von Sommelière Christina Fischer.


"Die Gastronomie ist der Knackpunkt. Wir brauchen einen Schulterschluss zwischen Weinerzeugern, Gastronomen und Sommeliers, die den Kabinett-Gedanken tragen und umsetzen", forderte deshalb Schloss Vollrads-Betriebsleiter Dr. Rowald Hepp. Ob dieser Schulterschluss gelingt, wird die Zeit zeigen, aber es gibt einige gute Gründe dafür, diesen zu wagen. Zunächst ist da die bereits beschriebene beeindruckende Kombinationsmöglichkeiten zu Speisen, die gereifter klassischer Riesling Kabinett an den Tag legt. Der Kombinationsfähigkeit der Kabinetts entgegen kommt ein Wandel in der Gastronomie – und zwar die verstärkte Hinwendung zur asiatischen beziehungsweise asiatisch angehauchten Küche. Zu exotischen Aromen und pikanten Gewürzen passt ein klassischer Kabinett extrem gut, weil dessen Süße in Kombination mit dem niedrigen Alkoholgehalt die Schärfe am Gaumen dämpft, während alkoholstarke trockene Weine diese verstärken.

Doch das ist noch nicht alles. Waren zu Beginn des Jahrtausend schwere Wein-Spielarten in Mode, schwingt das Pendel inzwischen zurück in die andere Richtung: "Die Klimaerwärmung hat uns viele satt machende Strunzweine mit hohen Alkoholwerten, die keine Lust aufs zweite Glas machen, beschert", so Hepp. Nun richte sich der Blick der Konsumenten verstärkt auf leichtere, animierende Weine, die in geselliger Runde Lust auf das weitere Glas oder die zweite Flasche machten. „Genau mit diesem Pfund“, so Hepp, "kann der Riesling Kabinett wuchern. Er bietet einen niedrigen Alkoholgehalt und einen vollen Geschmack."

Caroline Diel
"Kabinett ist ein klassischer, landestypischer Wein. Die Kombination von Frucht, Säure, Süße und niedrigem Alkoholgehalt ist einmalig."  Caroline Diel



Faszinierende Reise durch den Speise-Kabinett-Parcours

Es ist diese besondere Kombination von Leichtigkeit, Eleganz und Geschmack, die für den klassischen Kabinett spricht. "Diese Feinfruchtigkeit kombiniert mit der Säure, der Süße und dem niedrigen Alkoholgehalt, das kann in dieser Form nur der Riesling Kabinett. Das macht diesen Weintyp aus Deutschland einmalig, ja, weltweit unkopierbar", so Kabinett-Fan Caroline Diel. Ein Grund mehr für alle Winzer, diesen Weintyp weiter zu pflegen – und ein Grund mehr für alle Weinfreunde, ihn zu trinken und zu genießen. "Man muss den Zauber, der einem Kabinett innezuwohnen vermag, einfach erleben. Diese Süße, Säure und Frucht, die unglaublich leichtfüßig und elegant über die Zunge tanzen, das ist einfach unnachahmlich", so Sommelière Christina Fischer. Sprach's, und lud zum Schlendern durch den Speise-Kabinett-Parcours im Krönenschlösschen ein. Was dort an hervorragenden Speis-Kabinett-Kombinationen geboten wurde, das erfährst Du im zweiten Teil dieses Blog-Berichtes, der hier unter dem Titel Riesling Kabinett rocks: Zehn beeindruckende Speise-Kabinett-Kombinationen zu finden ist.

Mehr über den zweiten Tag des DWI-Workshop erfährst Du auf der Website von Christina Fischer, und zwar in ihrem Bericht Weinweiterbildung powered by DWI.

Riesling Kabinett
Die zehn Kabinett Rieslinge des Speise- und Wein Parcours.

Alle Fotos: Moderne Topfologie


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