FoodFighter-Interview: „Dieser Wegwerf-Wahnsinn ist einfach nur krank und pervers!“

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FoodFighter Michael Schieferstein, Autor des Buches Projekt Globaler Wegwerf-Wahnsinn.


25|03|2015   Michael Schiefersteins Haltung zur Lebensmittelverschwendung ist eindeutig: „Einfach nur krank und pervers“ findet der gelernte Koch, Buchautor und Ernährungsexperte die bewusste Vernichtung von Nahrung. „Völlerei ist für mich mittlerweile die schlimmste der sieben biblischen Todsünden des 21. Jahrhunderts“, betont der Initiator und Vorsitzende des Vereins FoodFighters, der in kürze zusammen mit vielen Mitstreiten zur großen Open-Air-Kochshow auf Burg Rheinfels im Mittelrheintal einlädt. Seit rund 25 Jahren führt Schieferstein einen engagierten Kampf gegen die globale Lebensmittelverschwendung - und das in kürze an besonders prominenter Stelle: Der 47-Jährige ist einer der sechs Themenbotschafter des Deutschen Pavillons auf der Weltausstellung Expo 2015 in Mailand, zu der Millionen von Besuchern erwartet werden.


FoodFighter geht zur Weltausstellung

„Feeding the Planet, Energy for Life“ (Den Planeten ernähren, Energie für das Leben) - unter diesem Motto findet ab Mai die Weltausstellung in Mailand statt - und Michael Schieferstein, Gründer des Vereins FoodFighters und Leiter eines Kochprojekts an der Goethe-Grundschule Mainz, ist mit dabei. Als Themenbotschafter des Deutschen Pavillons wird er auf der Expo den Bereich Lebensmittel vertreten. Deutschland möchte sich bei der Weltausstellung als Land voller Ideen für die Ernährung der Zukunft präsentieren und aufzeigen, wie wichtig ein wertschätzender Umgang mit der Natur für die künftige Nahrungssicherung ist. Genau das trifft ins Herz des Engagements von Michael Schieferstein, denn Ernährung und Nachhaltigkeit sind seine großen Themen: Der Autor des Buch "Projekt: Globaler Wegwerf-Wahnsinn", der gebürtige Mainzer, kämpft seit vielen Jahren gegen die Verschwendung und für einen bewussten und nachhaltigen Umgang mit unseren Lebensmitteln. Was ist der Motor für diesen Kampf? Kann er überhaupt gewonnen werden? Und was jeder Einzelne gegen den Lebensmittel-Wegwerfwahn tun? Im Interview steht mir Michael Schieferstein Rede und Antwort.


Interview mit FoodFighter Michael Schieferstein

FoodFighter Michael Schieferstein, Botschafter des Deutschen Pavillons der Weltausstellung Expo 2015 in Mailand.
FoodFighter Michael Schieferstein bei Dreharbeiten für den Expo-Film.

Mega - diese Eigenschaft trifft auf die Weltausstellung Expo fraglos zu. Die Veranstalter rechnen momentan mit rund 20 Millionen Besuchern - und Sie, Herr Schieferstein, sind als Botschafter des Deutschen Pavillons mittendrin. Mit welchen Gefühlen fiebern Sie dem Expo-Start entgegen?

Die Frage ist gut, aber schwer zu beantworten: Ich freue mich natürlich, dass die ganze Welt das Thema endlich aufgenommen hat. Aber leider ist von Veränderung wenig zu sehen! Denn das Problem ist schon seit Jahrzehnten bekannt. Ich wünsche mir, dass wir durch die Weltausstellung Expo Milano 2015 nicht nur 20 Millionen Besucher erreichen, sondern weltweit Milliarden Menschen. Die Regierungen, egal welcher Nation, müssen endlich die richtigen Gesetze einführen und der Industrie nicht mehr diese Macht geben, zum Beispiel die Macht Wasserrechte zu kaufen und den Ärmsten der Armen die letzten Reserven wegzunehmen.
Wir müssen vom Massenfleisch wegkommen und es wieder wertschätzen, nachhaltig Fleisch zu konsumieren. Die Umwelt würde entlastet, wenn wir nur noch ein bis zweimal pro Woche gesundes Fleisch essen würden, welches nicht aus der Industrie kommt. Wir haben jetzt schon mehr als zwei Milliarden Menschen, die an Hunger oder Unterernährung leiden. Die Folgen davon sind Tod, Kriege um Ressourcen und Elend auf der Welt, nicht zu vergessen die daraus entstehende Umweltkatastrophe.

"Jetzt sind wir dafür verantwortlich,
zu retten, was zu retten ist."

Weitere Probleme sind die langen Transportwege und die Monokulturen. Mit der Umstellung auf Artenvielfalt können wir es schaffen, zukünftigen Generationen noch genügend Nahrung zu sichern. Der Planet Erde ist von uns Menschen für Jahrhunderte ausgebeutet und vergiftet worden. Jetzt sind wir dafür verantwortlich, zu retten, was zu retten ist. Wir können die Katastrophen, die in den nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen, nicht mehr verhindern, aber wir können versuchen sie zu minimieren und uns selbst zu schützen. Wir müssen jetzt anfangen, nachhaltig umzudenken.
Das wäre mein Wunsch für die Expo: Ich will mit meinen Lösungsansätzen alle Regierungen der teilnehmenden Länder und einen Großteil der Weltbevölkerung erreichen und sie zum Umdenken bewegen.

Was genau ist Ihre Aufgabe als Themenbotschafter des Deutschen Pavillons? Wie werden Sie dort auftreten, was genau werden Sie präsentieren?

Ich repräsentiere Deutschland zu den komplexen Themen Lebensmittel und Konsum. Während der gesamten sechs Monate laufen meine Projekte auf der Expo virtuell als Film und ich werde zu bestimmten Veranstaltungen vor Ort sein.

Wie sind Sie zu Ihrem Thema gekommen? Was war für Sie persönlich der Stein des Anstoßes, der vor über zwei Jahrzehnten Ihren Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung ins Rollen gebracht hat?

Auslöser war meine einjährige Reise in den 90er Jahren durch die sogenannten Dritt- oder Entwicklungsländer. Die Armut, die moderne Sklaven- sowie Kinderarbeit waren damals schon bekannt. Genauso die Massenfabriken der Industrie, die mit hochgiftigen Mitteln arbeiteten. Lebensmittel wurden bespritzt mit Giften wie Pestiziden, die heute gar nicht mehr erlaubt sind. Zu dieser Zeit sah ich so viel Hunger, Durst und Tod, dass ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland vor etwa 22 Jahren führte ich neben meiner Arbeit als Küchenchef und Ausbilder in meiner Freizeit Schulprojekte ein und fing mit kleinen Workshops an. Als Gastronom und Küchenchef war mir schon vor mehr als zwei Jahrzehnten Nachhaltigkeit wichtig.

Was sind Ihrer Ansicht nach die drängendsten Aufgaben, die angegangen werden müssen, um die Lebensmittelversorgung künftiger Generationen zu sichern?

Ausgelöst durch die Gier und Macht der Konzerne stirbt in der Dritten Welt alle drei Sekunden ein Kind an Unterernährung. Wenn zukünftig von 7,5 Milliarden Menschen nur noch etwa die Hälfte mit natürlichen Ressourcen versorgt werden kann, ist die Versorgung aller Menschen nicht mehr gewährleistet. Und diese Zahl wird in den nächsten Jahrzehnten auf mehr als 10 Milliarden Menschen steigen. Auch das Wasser wird weltweit knapp werden. Umso unverständlicher ist es, wenn wir in Deutschland mehr als 30 Millionen Tonnen Lebensmittel einfach so vernichten.

"Monokulturen für Bio-Sprit? 
Den kann kein Mensch trinken oder essen!"

Zurück zu den Wurzeln ist die Lösung! Die Menschen sollten bewusst und regional einkaufen oder ihr Obst und Gemüse selber anbauen! Monokulturen für Bio-Sprit? Den kann kein Mensch trinken oder essen. Eltern sollten ihren Kindern eine Wertschätzung für Lebensmittel vermitteln. Nur wenn wir das Problem an der Wurzel bei den Kindern bekämpfen, können wir es schaffen, dass die nächsten Generationen genügend Nahrung und Wasser vorfinden.
Produkte mit Glutamat oder anderen heimlichen Geschmacksverstärkern wie Hefeextrakt oder Gewürzextrakte sollten wir in den Regalen liegen lassen. Bei den Lebensmitteln gilt hierzulande leider meist "Hauptsache billig", ob das gesund ist oder nicht, ist zweitrangig. Aber für das Auto kaufen wir das beste und teuerste Motorenöl, das es gibt. Für unsere Haustiere kaufen wir Futter, das mittlerweile teurer ist als unsere eigenen Lebensmittel.

"Für unsere Haustiere kaufen wir Futter,
das teurer ist als unsere Lebensmittel."

Mehr als sieben Millionen Menschen sind in Deutschland Allergiker und vertragen keine Laktose oder Gluten. Das kommt von der Industrienahrung. Ein Drittel aller Krebserkrankungen entsteht durch falsche Ernährung, und Krebs ist nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit die zweithäufigste Todesursache. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich etwa 8,2 Millionen Menschen an Tumorerkrankungen. Experten gehen davon aus, dass in Deutschland rund 35 Prozent aller Krebserkrankungen auf das Konto falscher Ernährung gehen.

Vor kurzem wurde der von Ihnen gegründete Verein FoodFighters als gemeinnützig anerkannt. Wo setzt der Verein beim Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung den Hebel an?

Mit unseren Schulprojekten wollen wir, wie vorhin bereits erwähnt, Kindern eine verloren gegangene Wertschätzung für unsere Lebensmittel vermitteln. Ziel und Zweck des Vereins ist eine bundesweite Volksaufklärung, indem wir zeigen, wie man mit einfachen Mitteln ein gesundes und nachhaltiges Gericht zaubern kann. Wir halten Vorträge zum Thema gesunde und nachhaltige Ernährung. Bei Events zeigen wir Missstände der Industrie, des Handels und auch das Versagen der Politiker auf.

Zu guter Letzt: Was kann und sollte jeder private Haushalt Ihrer Ansicht nach tun, um die Lebensmittelverschwendung einzudämmen?

Der Verbraucher sollte auf die natürlichen Sinnesorgane achten. Ist der Joghurt noch gut? Einfach aufmachen und dran riechen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) wird von der Industrie vorgegeben, damit wir Produkte weg schmeißen und neu kaufen. Muss ich wirklich einkaufen gehen? Vorher in die Vorratskammer und in den Kühlschrank gucken, was sich dort noch verbirgt. Kreativ mit den noch vorhandenen Lebensmitteln ein Gericht zaubern. Eine alte Weisheit ist es auch, immer einen Einkaufszettel zu schreiben und nicht hungrig in den Supermarkt zu gehen. Damit hat man schon viel getan, um nicht in die Fallen der Industrie zu tappen. Nicht die Massenproduktion fördern und die billige Milch und das günstige Fleisch für drei Euro das Kilo kaufen!

"Nicht die billige Milch und das günstige 
Fleisch für drei Euro das Kilo kaufen!"

Nachhaltig, regional und saisonal einzukaufen ist gut für den Geldbeutel, die Umwelt und meine Gesundheit. Mit Kindern einkaufen gehen und mit ihnen gemeinsam kochen fördert ihr Interesse an neuen Produkten. Es sollte wieder normal sein, mit der ganzen Familie am Tisch zu sitzen und gemeinsam das Selbstgekochte genießen. Das alles finden Sie in meinem Buch „Projekt Globaler Wegwerf-Wahnsinn“ mit Fakten und Zahlen und viele leckere Rezepte sowie Tipps zum Thema gesunde Ernährung.


Mehr zu den Expo-Erlebnissen von Michael Schieferstein gibt es bis zum Ende der Weltausstellung hier im Blog und / oder auf den Facebook und Google+ Kanälen von Moderne Topfologie zu lesen. Also: Schaut immer mal wieder rein, es lohnt sich! 

Wer Michael Schieferstein einmal persönlich in Aktion erleben möchte, hat dazu in kürze Gelegenheit. Denn bevor sich der FoodFighter aber auf den Weg nach Italien macht, ist er zusammen mit Mitstreitern und Unterstützern noch einmal in der Heimat aktiv, und zwar bei der großen öffentlichen FoodFighters-Open-Air-Kochshow am Freitag, 17. April, von 12 bis 21 Uhr auf Burg Rheinfels in Sankt Goar im Mittelrheintal. Alle Informationen zur Kochshow findest Du hier.


Randnotizen

Die Weltausstellung Expo Milano 2015 findet vom 1. Mai bis 31. Oktober statt. 148 Nationen werden sich dort ein halbes Jahr lang präsentieren, im Deutschen Pavillon, der rund 40 Millionen Euro kostet, werden 250 Mitarbeiter beschäftigt. Die Expo Milano ist die erste, die sich unter dem Motto „Feeding The Planet, Energy For Life“ dem Thema Ernährung widmet. Passend dazu präsentiert sich Deutschland als Vorreiter in Sachen Umweltschutz und Energiewende sowie Ideenwerkstatt für die Ernährung der Zukunft. 

Sechs Themenbotschafter geben dem deutschen Expo-Auftritt Gesichter, sie begrüßen die Pavillon-Besucher und verkörpern das Motto der Schau: „Be active!“ - „Sei aktiv!“ Michael Schieferstein besetzt das Thema nachhaltige und gesunde Ernährung. Zu ihm gesellen sich fünf weitere Botschafter: Benjamin Adrion engagiert sich in der Trinkwasserversorgung für Entwicklungsländer, Bio-Bauer Josef Braun setzt sich für nachhaltige Bodenbearbeitung ein, Felix Finkbeiner möchte ein Bewusstsein für den Klimawandel schaffen, Erika Mayr produziert als Stadtimkerin Honig mitten in Berlin und Obstbauern Eckart Brandt streitet für die Sortenvielfalt, er baut Hunderte von Apfelsorten an, darunter viele alte und vom Verschwinden bedrohte Sorten.


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